Roman von Michelle Winters: Ja, es gibt eine Leiche

In der kanadischen Provinz verschwindet ein Mann. In Michelle Winters’ Roman „Ich bin ein Laster“ kommt so die Vergangenheit ans Licht.

Ein Paar spaziert auf einem verschneiten Hügel. Im Vordergrund ist ein großer Baum zu sehen, im Hintergrund andere Berge.

In den endlosen Weiten Kanadas können schon mal Menschen verschwinden Foto: reuters

Warum sind Autoverkäufer in den erzählenden Künsten eigentlich oft so traurige, um nicht zu sagen tragische Gestalten? Man kann, jedenfalls wenn man einigermaßen kinosozialisiert ist, kaum anders, als den Autoverkäufer Martin Bureau (ein französischer Familienname, der „Schreibtisch“ bedeutet, und für den der anglofone Martin sich etwas schämt) in Michelle Winters’ erstem Roman „Ich bin ein Laster“ gedanklich kurzzuschließen mit dem glücklosen William H. Macy aus „Fargo“ (nicht der Serie, sondern dem Film der Brüder Coen von anno 1996).

Auch die klimatischen Bedingungen sind ähnlich wie in Fargo, denn der Roman spielt in Kanada, und es gibt zeitweise enorm viel Schnee. Der Rest ist anders. Als Handlungsort fungiert ein Kaff in der englischsprachigen kanadischen Provinz. Das frankofone Ehepaar Agathe und Réjean hat es in diese Fremde verschlagen, weil es für einen Holzfäller wie Réjean hier mehr Arbeit gibt. In inniger Zweisamkeit leben die beiden in einem abgelegenen Cottage und halten sich möglichst fern von allem Englischsprachigen.

Michelle Winters: „Ich bin ein Laster“. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wagenbach, Berlin 2020. 144 Seiten, 18 Euro

Agathe allerdings hegt eine klammheimliche Faszination für amerikanische Rockmusik, während Réjean nur frankokanadischen Folk als Musik gelten lässt. Andererseits fährt er ausschließlich und leidenschaftlich Chevrolet und kauft sich jedes Jahr das neueste Truckmodell. Durch diese regelmäßige Aktivität entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihm und dem Autoverkäufer Martin, was in diesem wiederum eine zunächst eher widerstrebende Zuneigung zur vormals verschmähten französischen Sprache weckt.

Réjean verschwindet

So idyllisch und langweilig könnte es ewig weitergehen, wenn nicht eines Tages Réjean einfach verschwinden würde. Die allein gebliebene Agathe verzweifelt und leidet, muss aber nun für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen und besorgt sich einen Job in einem Secondhand-Laden für Elektrogeräte. Was im Folgenden passiert, ist eng verknüpft mit dem, was ohne Agathes Wissen zuvor im Leben von Réjean geschah und was nun im Rückblick berichtet wird. Nacherzählen lässt es sich hier nicht; zu groß die Spoilergefahr. Daher nur so viel:

1. Bestimmt hat auch Michelle Winters „Fargo“ gesehen.

2. Ja, es gibt eine Leiche und

3. auch einen Revolver und

4. eine Mafia (nämlich eine französische Wein- und Käse-Mafia), und

5. unerwartete Dinge geschehen.

Das Spiel der Gegensätze

Im tieferen Grunde geht es in „I Am a Truck“ aber vor allem um Antagonismen. Zwischen Englisch und Französisch (das Spiel mit den Sprachen kann in der deutschen Übersetzung, die insgesamt sehr schön zu lesen ist, nur ansatzweise eingefangen werden), zwischen Ford und Chevrolet, Wein und Whisky, Frau und Mann, zwischen Rock- und Folkmusik.

Winters spielt hintergründig mit vermeintlichen Gegensätzen und treibt sie lustvoll ins Extrem. Dass ihr Roman eigentlich ein Gedankenexperiment ist, merkt man während der unterhaltsamen Lektüre rein gar nicht. Alle Figuren, auch die sinistren, gewinnt man beim Lesen regelrecht lieb, denn sogar das Verbrechen wirkt in diesem Roman auf seltsame Art menschlich. Alle, auch wir, erfahren irgendwann, was mit Réjean passiert ist.

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