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Robert Misik Politische Theologie für Spinner

Carl Schmitt war Nazi-Jurist und Staatstheoretiker. In den USA erlebt er bei rechten Akteuren wie Peter Thiel und J. D. Vance ein Comeback

Rechte Fans: Carl Schmitt bei einer Rede 1930 Foto: ullstein bild

Über die Feiertage widmete ich mich dem Feinschliff eines Buches. Ich feilte an ein paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich gerne meine „Carl-Schmitt-Operation“, denn das Faszinierendste an dem ultrarechten Juristen waren immer seine ersten Sätze. Natürlich auch die Eiseskälte, die seine Texte durchweht. Man nannte Schmitt Hitlers „Kronjuristen“.

Schmitts Texte starten mitunter mit explodierenden Einstiegssätzen, die eine These formulieren, apodiktisch, provokant. Nicht selten sind sie ein Postulat, auf das man normalerweise nicht leicht käme. „Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“, ist etwa so ein Satz. Schmitts Einstiegsknaller sind schnörkellos, kurz, auf das Wesentliche reduziert, maximal verdichtet. So ähnlich wie Suppenwürfel. In denen ist ja auch die Brühe zusammengepresst. Und sie ziehen einen sofort in den Text hinein.

Man kann auch von Nazis was lernen. Natürlich könnte man die Feinschliff-Operation genauso gut die „Franz-Kafka-Unternehmung“ nennen, dessen erste Sätze auch legendär sind. Man denke nur an: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Neben diesen Handwerks-Kniffen habe ich noch meine Terry-Eagleton-Technik. Der britische Marxist und Literaturtheoretiker hat etwas, was Carl Schmitt völlig abging: Humor. Er schreibt die tiefgründigsten Abhandlungen, macht sich aber die Extramühe, sie möglichst lässig zu formulieren. Seine Maxime: Kompliziert und unverständlich über Philosophie und Kulturtheorie kann jeder schreiben. Echte Könner dagegen vermögen es so zu übersetzen, dass auch interessierte Laien mitkommen. Dazwischen streut Eagleton Witze oder lustige Metaphern, sodass mir vor Lachen das Buch aus der Hand fällt.

Der Terry-Eagleton-Jünger in mir denkt sich manchmal bemüht ein paar Witze aus. Wenn mir keiner einfällt, frage ich Chatgpt. Der ist aber auch nur halblustig, so ähnlich wie Dieter Nuhr. Viele stört ja, dass Nuhr ein Reaktionär von eher schlichtem Gemüt ist. Mich stört mehr, dass er nicht lustig ist. Wahrscheinlich lässt er sich auch seine Pointen von Chatgpt schreiben. Seine „Pointen“.

Zurück zu Carl Schmitt, dessen Gesamtwerke ich in den neunziger Jahren fast vollständig gelesen habe, ohne dass mich das zu einem schlechteren Menschen gemacht hätte. Die Lektüre hat mich noch nicht einmal „traumatisiert“, womit heute ja oft gemeint ist, dass man sich ein bisschen ärgert. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – der berühmte erste Satz seiner „Politischen Theologie“. Oder: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe“ (so beginnt das dritte Kapitel).

Peter Thiel, der rechte Strippenzieher der Trump-Regierung, Milliardär und Sponsor halb- und ganzfaschistischen Geisteslebens weltweit, liest in den vergangenen Jahren auch sehr viel Carl Schmitt. Der hat es ihm ebenso angetan wie der katholische Religionsphilosoph René Girard. Schmitts Diktum, dass alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe seien, ist zunächst einmal bloß eine ideengeschichtliche Behauptung. In der westlichen Welt sind etwa Endzeitideen, eine Geschichtsphilosophie, die von einem Fortschritt in Richtung einer Höchststufe der Entwicklung – einem „Ziel der Geschichte“ – ausgeht, an tradierten christlichen Zeitvorstellungen geschult, genauso wie die messianische Idee von Befreiung.

So unterschiedliche Charaktere wie Walter Benjamin (er schrieb an Schmitt einen bewundernden Brief), der Theologe Karl Löwith oder der jüdische Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes hatten ein tiefes Einverständnis mit Schmitt. Diese „Linksschmittianer“ fanden plausibel, dass etwa Vorstellungen vom Paradies eine gewisse Analogie zum „Kommunismus“ haben. Auch Ideen vom großen Ereignis, das die Zeiten scheidet, weisen starke Züge religiöser Motive auf, möge man dazu Rückkehr des Messias sagen oder Weltrevolution. Manche linke Philosophinnen bauen ihr halbes Werk auf Herumgeschmitte auf, wie die Theoretikerin Chantal Mouffe seit bald dreißig Jahren mit ihren Thesen, dass „das Politische“ mehr Konflikt und weniger Konsens braucht. Dass es zwischen theologischen und weltlichen Begriffen eine metaphorische Ähnlichkeit gibt, heißt noch nicht viel. Katholischer Fundamentalismus lässt sich daraus nicht begründen. Peter Thiel und seine wackeren Gotteskrieger-Freunde gehen aber weiter. Sie lesen Schmitt buchstäblicher, als er das selbst gewollt hätte.

Foto: skajskaj

Robert Misik Jahrgang 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Theatermacher und taz-­Kolumnist. Jüngste Ver­öffent­lichung: „Das große Beginnergefühl: Moderne, Zeitgeist, Revolution“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2022.

Die Schlagloch-Vorschau:

8. 1. Georg Seeßlen

15. 1. Charlotte Wiedemann

22. 1. Mathias Greffrath

29. 1. Gilda Sahebi

Thiel ist von einer tiefen Angst besessen. Etwa, dass wir bald vom Antichristen beherrscht werden. Der Antichrist – also der Teufel – würde uns aber nicht unterwerfen, sondern in sein Regiment hineinlocken, wie der Konsumkapitalismus in den Einkaufstempel. Eine progressiv-liberale Weltregierung, sie wäre ein diabolischer Plan des Antichristen, meint Thiel, mit ihrem Versprechen von Frieden, Toleranz, Sicherheit. Der Antichrist hätte auch keine Hörner am Kopf. Womöglich ist ja Greta Thunberg der Antichrist, meinte er unlängst. Denn sie verspricht, uns vor der Klimakatastrophe zu retten.

Einem solchen Weltregime müsse man sich entgegenstellen. Die Trump-Regierung tut das schon ein wenig, indem sie die paar Fundamente einer globalen, liberalen Weltordnung zerstört. Dabei greift Thiel wieder ein Motiv Carl Schmitts auf, nämlich das vom „Katechon“, dem Aufhalter, der sich dem Unheil und dem Fortschritt entgegenstellt. Ein bisschen durchgeknallt ist das alles. Quasi politische Theologie für schrullige Käuze.

Eine progressiv-liberale Weltregierung wäre ein diabolischer Plan des Antichristen

Man vergesse freilich nicht: Thiel hat seinen Jünger J. D. Vance schon im Amt des Vizepräsidenten untergebracht. Vance ist wie Thiel der Meinung, die Schwäche des Christentums sei die Nächstenliebe, die Empathie, weil sie den Starken ein schlechtes Gewissen mache. In den USA entsteht ein extremistisch-fundamentalistischer Katholizismus. J. D. Vance ist mit viel Trara zum Katholizismus konvertiert. Er hat sogar den letzten Papst besucht. Der ist daraufhin gleich verstorben.

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