Renaissance der Atomindustrie: Kapitalvernichtung mit Kleinreaktoren
Minikraftwerke sind der Hoffnungsträger der Atomlobby. Aber die börsennotierten Hersteller der gehypten Anlagen verzeichnen massive Kurseinbrüche.
Foto: Natalie Behring/Getty Images
Investoren blicken immer skeptischer auf die von der Atomwirtschaft angekündigten kleinen Reaktoren, sogenannte Small Modular Reactors (SMRs). Während die Nuklearindustrie die modularen Blöcke gern als neue Option der Stromerzeugung anpreist und damit wirbt, dass die Kosten mit der Serienfertigung sinken, wenden Anleger sich ab: Die einschlägigen Firmen haben in den letzten zwölf Monaten erheblich an Börsenwert verloren.
Die Aktien der kalifornischen Firma Oklo zum Beispiel büßten binnen eines Jahres 79 Prozent an Wert ein. Das Unternehmen will bis 2028 ein entsprechendes Reaktormodul bauen. Die Firma Nuscale aus Oregon hat zwar das erste und bislang einzige SMR-Design in den USA zertifiziert bekommen, doch auch hier zeigen sich die Investoren zunehmend skeptisch: minus 86 Prozent in zwölf Monaten.
Ähnlich geht es weiteren Unternehmen. NanoNuclear Energy aus New York hat in einem Jahr 72 Prozent seines Börsenwertes verloren, Newcleo mit Hauptsitz in Paris 57 Prozent. Auch bei Deep Fission (minus 82 Prozent) und Centrus Energy, einem Kernbrennstoff-Lieferanten für SMR, sieht es mit minus 70 Prozent nicht besser aus.
Dass selbst in den USA noch kein einziger SMR kommerziell in Betrieb ist, sei „das Detail, das viele Investoren erst entdecken, nachdem sie die Aktie gekauft haben“, spottete jüngst das Tech- und Investment-Portal Startup Fortune.
Auch Neulinge halten sich zurück
Inzwischen spüren sogar jene Unternehmen, die erst noch an die Börse wollen, dass sich der Markt wendet: Das im US-Bundesstaat New Jersey ansässige SMR-Unternehmen Holtec Nuclear verschob im September seinen geplanten Börsengang mit der Begründung, die Stimmung an den Aktienmärkten und im Nuklearsektor sei zu negativ.
Mycle Schneider, Atompolitikberater
Gleichwohl will der Lobbyverband Kerntechnik Deutschland (KernD, Nachfolger des Deutschen Atomforums) die jüngsten Kursentwicklungen nicht als Misstrauen der Investoren gegenüber dem SMR-Konzept verstanden wissen. Die Kursverluste seien vielmehr eine „Korrektur zuvor sehr hoher Markterwartungen“. Insbesondere die Aussicht auf einen stark steigenden Strombedarf durch KI und Rechenzentren habe das Interesse der Kapitalmärkte an der Technologie verstärkt. Jetzt spiegelten die Kurse „vor allem eine realistischere Bewertung der wirtschaftlichen und industriellen Herausforderungen wider“. Die Fragen der praktischen Umsetzung rückten stärker in den Vordergrund – also Genehmigungsverfahren, Finanzierung, industrielle Lieferketten und die Realisierung erster kommerzieller Projekte.
Kostenvorteil? War da was?
Der Atomverband räumt ein, dass sich „die erwarteten Kostenvorteile durch Standardisierung und Serienfertigung in der Praxis erst bestätigen“ müssen. Dennoch seien die aktuellen Kurse „kein geeigneter Maßstab, um die langfristigen Perspektiven der gesamten SMR-Technologie zu beurteilen“, sagt eine Sprecherin von KernD. Ohnehin müsse zwischen den einzelnen Unternehmen und Reaktorkonzepten differenziert werden: „Während einige SMR auf bewährter Leichtwassertechnologie basieren, befinden sich andere Konzepte noch in früheren Entwicklungsphasen.“
Der Atompolitikberater Mycle Schneider aus Paris hingegen sieht handfeste Gründe für die Kursverluste: „Die SMR-Firmen verbrennen unglaublich viel Cash und haben bisher nichts als Glauben zu verkaufen“, sagt der Hauptautor des jährlich erscheinenden World Nuclear Industry Status Report. Lange könne diese Entwicklung nicht gutgehen: „Vielleicht sehen wir die spekulative Blase gerade platzen.“ Die kumulierte Kapitalvernichtung der Firmen im Laufe eines Jahres liege im zweistelligen Milliardenbereich.
Und was sagen die großen deutschen Banken, die immer einen Blick auf die wichtigen Branchen haben und stets entsprechende Analysten aufbieten können? Nichts. Auf Anfrage nach einer Einschätzung zu den Nuklearfirmen gab es reihenweise Absagen. Da hieß es dann: „Leider haben wir kein Research zu den Entwicklungen bei Atomunternehmen.“ Oder auch, man könne „leider keinen passenden Analysten für ein Gespräch zur Verfügung stellen“. Was dann am Ende auch viel aussagt über die Relevanz der Nuklearfirmen.
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