Religiöser Alltag in Usbekistan

Moscheen wie Potemkinsche Dörfer

Samarkand ist das historische Zentrum des Landes. Die Sowjet-Vergangenheit und der sunnitische Islam ergeben eine eigene kulturelle Mischung.

Eine Gruppe steht vor historischen Gebäuden

Sightseeing in Samarkand Foto: Barbara Schaefer

Die drei Schwestern aus dem Ferghanatal wollten schon lange nach Samarkand fahren. Nun sitzen die Frauen und der Ehemann einer von ihnen erschöpft auf einer Bank, im Innenhof der Ulug’bek-Medrese. Sie tragen lange Röcke, wild bunt gemusterte Jacken dazu, die farbigen Kopftücher im Nacken gebunden. Sie sind alle über fünfzig Jahre alt, und beim Reden glänzen ihre Goldzähne. Sie wollen das Grab Tamerlans besichtigen, in Usbekistan Timur genannt. Er ist der Held des Landes, islamischer Eroberer, gestorben 1405.

Aber dann kam ein aktueller Anlass dazu, und aus ihrer Fahrt nach Samarkand wurde eine Pilgerreise: Außer Tamerlans schwarzgrünem Jadesarkophag haben sie Islom Karimows Grab besucht. Der langjährige Staatspräsident starb überraschend am 2. September dieses Jahres. Karimows Karriere hatte zu Sowjetzeiten begonnen; seit der Unabhängigkeit Usbekistans regierte er diktatorisch das zentralasiatische Land.

„Er war ein guter Präsident, wir leben im Frieden“, sagen die Frauen und legen mit traurigem Blick die Hand aufs Herz. „Wir waren als Land ein Baby. Jetzt sind wir 25 Jahre alt, erwachsen. Nun müssen wir sehen, wohin es mit dem neuen Präsidenten geht.“ Unser Guide sagt, so denke die Mehrheit im Land.

Der Reiseleiter möchte, dass wir ihn Sascha nennen. Das ist ein unverfänglicher Name. Bis 2005 gab es viele deutsche Firmen im Land, „Sascha“ hat als Übersetzer gearbeitet, spricht sehr gut Deutsch, aber mit vollem Namen zitieren lassen möchte er sich nicht. Oppositionelle und wer immer als solcher gelten könnte leben gefährlich in Usbekistan. Sascha arbeitet nicht mehr als Übersetzer.

Veranstalter: Unterschiedliche Reisevarianten mit dem Orient Silk Road Express in Usbekistan, Turkmenistan und Kasachstan. Die 14-tägige Sonderzugreise Registan findet vier Mal jährlich statt. Lernidee Erlebnisreisen, www.lernidee.de. Die gleiche route bietet auch www.ameropa.de/bahnreisen/bahnerlebnisreisen/in-asien/registan

Die Reise wurde unterstützt von Lernidee

Im Mai 2005 kam es im Land zu einem Massaker, usbekisches Militär schoss eine Protestkundgebung in Andijon nieder, bis zu 600 Menschen sollen getötet worden sein, genaue Zahlen gab es nie. Es kam zum Wirtschaftsboykott, viele deutsche Firmen zogen sich zurück.

Gemauerte Glaubensbekenntnisse

Im Hof der Koranschule setzen sich um die bunt gekleideten Frauen herum Muster und Farben in den Mauern fort. Die Medrese, die Koranschule, ist eines der drei Hauptgebäude auf dem Registan. Und der ist einer der schönsten Plätze der Welt. Überragt von den mit türkisfarbenen Fliesen bedeckten Kuppeln, mächtigen, bunt ornamentierten Toren, die Kacheln mit ineinanderfließenden Majolika-Dekors – eine Musterflut.

Auf dem Platz selbst werden Menschen winzig, die religiösen Gebäude sind schöne, gemauerte Glaubensbekenntnisse. Sie machen sprachlos, das sollen sie auch. Wie der Petersdom in Rom oder gotische Kathedralen. Und auch wer von Religion nichts hören mag, wird die schiere architektonische Anmut überwältigend finden.

Sascha, Reiseführer

„Wofür soll die Regierung das wenige Geld ausgeben? Für Schulen und Kliniken oder für die Restaurierung von Denkmälern?“

Taschkent ist die Hauptstadt Usbekistans, wirtschaftliches Zentrum, Regierungssitz und dominiert von sozialistischer Architektur. Samarkand jedoch, eine 2.700 Jahre alte Stadt, gilt als historisches Herz des Landes. Die prächtigen Architekturdenkmäler entstanden zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert. Bilder mit in der Wüstensonne glänzenden Kuppeln, das Gold und Türkis an den Mauern, sie prägen bis heute unsere Vorstellung vom Orient, von den Orten entlang der Seidenstraße.

In der Stadt treffen wir immer wieder auf kleine Reisegruppen, großteils Einheimische. Alle lassen sich mit ihren Smartphones auf dem Registan fotografieren, wir ausländischen Gäste sollen immer mit aufs Bild. Und immer wieder begegnen uns Bräute, bombastisch herausgeputzt. Usbekistans Bevölkerung ist jung, zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt, da wird viel geheiratet.

Der prächtigen islamischen Architektur zum Trotz ist Usbekistan kein streng islamisches Land Zum Freitagsgebet geht man in der Mittagspause, der Freitag ist kein Feiertag. Wir sehen Frauen mit Kopftuch, aber oft ist es nur ein kleines, im Nacken gebunden. Viele Frauen tragen gar keines.

Wiederaufbau in Sowjetzeiten

Vor hundert Jahren, 1917, begann die sowjetische Phase Zentralasiens. „Die Frauen mussten öffentlich ihre Schleier verbrennen“, erzählt Sascha, „die Sowjets haben die Emanzipation über Nacht erzwungen.“ Eine Katastrophe – für die Frauen. „Manche wurden daraufhin von ihren Männern gesteinigt.“ Um Feminismus sei es ohnehin nicht gegangen, „das Land im Aufbau brauchte Arbeitskräfte, Frauen sollten nun auch Traktor fahren und Eisenbahnschienen verlegen“.

Auch Samarkand musste erst wieder aufgebaut werden. Um 1780 war die Stadt verlassen und zerfiel. Hundert Jahre später gehörte sie zum russischen Zarenreich, eine Eisenbahnlinie wurde gebaut, Samarkand kehrte zurück in die Welt. In der Tillakori-Medrese, ebenfalls am Registan, sind Fotos ausgestellt, sie zeigen den Platz zu Beginn der sowjetischen Zeit:

Die herrlichen Fliesen, die Kuppeln, die prächtigen Tore – alles farblose Ruinen. Zur Sowjetzeit begann erstaunlicherweise der Wiederaufbau der islamischen Baudenkmäler. Bis heute muss an allen Ecken und Enden renoviert und restauriert werden. Unterstützung kam einige Jahre lang aus Potsdam, dort gab es an der Fachhochschule einen länderübergreifenden Studiengang. Der Usbekisch-Deutsche Masterstudiengang Bauerhaltung und Denkmalpflege war Bestandteil eines Förderprojekts, doch die Quelle versiegte, der Studiengang ist ausgesetzt.

Eine junge Bevölkerung

Ein Blick hinter die restaurierten Fassaden zeigt, wie viel hier noch zu tun wäre. Manche Moschee wirkt wie ein Potemkinsches Dorf, dahinter ist nichts renoviert, „aber woher das Geld nehmen?“, fragt uns Sascha. „Wofür soll die Regierung das wenige Geld ausgeben? Für Schulen und Kliniken, für Kindergärten oder für die Restaurierung von Denkmälern, damit wiederum Touristen anreisen?“

Besucher lassen immerhin Geld da. Im Inneren der Medrese sitzt nun in jeder ehemaligen Studentenstube ein Handwerksmeister. Wo früher der Koran gelehrt wurde, kann man nun etwas über Handwerkskunst lernen. Ein Handwerksmeister erklärt den Unterschied zwischen Mosaik, Keramik und Majolika. So manche große Keramikschüssel wandert ins Gepäck.

Nebenan winkt uns Instrumentenbauer Babour Scharipov herein. Er kennt alle usbekischen Saiteninstrumente, gebaut aus Maulbeerholz; und er kann sie alle spielen. Kaum jemand kauft eine Dombra oder eine Dumbura, aber immerhin gehen einige CDs weg. Die Währung ist nicht konvertierbar, man zahlt mit dicken Bündeln von einheimischen Sum. Ordentlich bezahlte Arbeit zu finden sei schwer, sagt Sascha. Viel zu viele Männer gehen als „gastarbeitery“ nach Russland.

Der neue Präsident

Hinter dem Registan schließt sich eine Mahalla an; so werden die historischen Wohnviertel genannt. Sie umfasst etwa 60 Häuser, darin leben jeweils ungefähr zehn Leute, so jedenfalls erklären es die drei Männer, die auf einer Bank sitzen und miteinander plaudern. Natürlich geht es nun auch um den alten und den neuen Präsidenten. Es sei schon in Ordnung, wenn jemand aus der herrschenden Klasse gewählt wird. „So einer hat die Taschen schon voll, die Töchter sind reich. Ein Neuer muss erst wieder von vorne anfangen.“ Und was erhoffen sich die Männer von dem neuen Präsidenten?

„Frieden“, das sei das Wichtigste. Und einer der drei sagt: „Vor der Wahl klingen ja alle gut, aber wie einer regiert, wenn er Präsident geworden ist – inschallah.“

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