Reiseverband tagt in Abu Dhabi: „Das Geschäft ist sehr, sehr stabil“

Money makes the world go round. Und das nicht nur im Tourismus, sondern auch in Abu Dhabi. Dort tagt der Deutsche Reiseverband.

Die Skyline von Abu Dhabi, dem Tagungsort des Deutschen Reiseverbands. Bild: imago/Thomas Müller

Tatort Abu Dhabi. Während der deutsche Reiseverband (DRV) mit rund 800 Teilnehmern in Abu Dhabi drei Tage lang tagte, wird auf den Titelseiten der Gulf News über die Mall Murder diskutiert. Eine völlig schwarz verschleierte Frau mit dem Messer unter der Abaya, dem schwarzen, traditionellen Kostüm, erstach aus ungeklärten Gründen eine amerikanische Kindergärtnerin in der Shooping Mall, dem populärsten öffentlichen Raum der Golfstaaten. Dabei gilt das abu dhabische Patriarchat, als absolut überwachtes, sicheres Reiseziel, obwohl es geographisch nicht weit vom Terror der IS und den zerfallenden Staaten Syrien und Irak entfernt liegt.

Die Golfstaaten mit ihren künstlichen Stränden und hohen Häusern, ihren klimatisierten Glitzerwelten und teuren Großevents sind touristische Nutznießer der Krisen in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten. Auch der Gastgeber Abu Dhabi, das reichste Land der Vereinigten Arabischen Emirate, will sich im Tourismus stärker positionieren. Der deutsche Markt sei der drittwichtigste Quellmarkt nach Indien und Großbritannien. Kein Wunder, dass das Gastgeberland die deutsche Tourismusbranche zu ihrer Jahrestagung großzügig empfängt.

Der Tourismus ist ungeachtet der weltweiten Krisen auf Wachstumskurs. Die deutschen Reiseveranstalter haben nach ersten Berechnungen im zurückliegenden Geschäftsjahr mindestens zwei Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr erzielt. Dabei hat sich das Geschäft mit Kreuzfahrten überproportional gut entwickelt.

Hier liege das Wachstum im zweistelligen Prozentbereich, sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig, der auf der DRV Jahrestagung mit 99.94 Prozent bestätigt wurde. Unter den Zielgebieten habe Griechenland das höchste Plus verzeichnet und könne nun an die Zahlen deutscher Besucher vor der Wirtschaftskrise anknüpfen, auch Tunesien sei im Aufwind. Spanien habe trotz leichter Rückgänge für Mallorca seine führende Rolle behauptet.

Keine großen Dramen

Auf der Fernstrecke gab es Einbußen in Fernost, vor allem wegen der politischen Lage in Thailand. Stark gefragt war laut Fiebig dagegen die Karibik, was mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis zusammenhänge. Insgesamt sei das Jahr stark von Frühbuchern geprägt worden, auf die laut der GfK-Marktforschung etwa ein Drittel aller Buchungen entfielen.

Das anhaltende Wachstum sei angesichts der zahlreichen Krisen etwa in der Ukraine, in Israel und Ägypten sowie Ebola und dem Terror des Islamischen Staates (IS) bemerkenswert, sagte Fiebig. Die Streiks bei der Bahn und Lufthansa hätten das Geschäft ebenfalls belastet: "Wir haben hier mittlerweile Verhältnisse wie in Ländern, die wir früher nur milde belächelt haben", kritisierte er.

Doch nach Erkenntnis von Martin Lohmann, Leiter des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Europa sind „große Dramen in der touristischen Nachfrage bisher ausgeblieben“. Katastrophen hätten letztlich wenig und nur kurzfristig Auswirkungen auf das Reiseverhalten. „Die Folgen von dramatischen Ereignissen sind erstaunlich gering“, sagte Lohmann. Das touristische Geschäft sei sehr, sehr stabil. „Alle machen ziemlich viel Urlaub.“

Kulturelle Drehscheibe Abu Dhabi

Auch in Abu Dhabi: Insgesamt übernachteten 2014 mehr als 2,5 Millionen Gäste in den 156 Hotels und Hotelapartments von Abu Dhabi. Rund 93.000 dieser Besucher kamen nach Angaben der Abu Dhabi Tourism & Culture Authority (TCA Abu Dhabi) aus Deutschland. Im Durchschnitt bleiben die Deutschen knapp 4,8 Tage und damit am längsten von allen Gästen aus den Quellmärkten. Das Land bietet schicke Luxushotels, Beach, Golf, eine internationale Küche und vollklimatisierte Shopping Malls. Ein Konsumparadies, aber das Emirat will sich zur kulturellen Drehscheibe mausern.

Die künstlich erweiterte Insel Saadiya, wo die DRV Tagung stattfand, soll schon bald Kultur auf hohem Niveau präsentieren: Mehrere Museen für historische und zeitgenössische Kunst, eine architektonisch spektakuläre Philharmonie für Gastorchester, sowie eine Mehrzweckhalle für Opern- und Theateraufführungen und sonstige kulturelle Events, dazu Ausbildungsstätten für Bildende und Darstellende Kunst auf Hochschulniveau. Das Emirat, das einen jährlichen Ankaufsetat von 40 Millionen Euro plant, soll der Agence Internationale des musées de France einmalig 165 Millionen zahlen und jährlich für 15 Jahre jeweils 13 Millionen Euro für Wechselausstellungen in einer 2000-m²-Galerie.

Zur Eröffnung, die 2015 geplant ist, soll der Louvre Abu Dhabi rund 300 Exponate aus den Beständen namhafter französischer Museen und Kultur-Einrichtungen erhalten. Eine hochwertige Touristenattraktion mit Air Conditon, die zwischen Mai und Oktober den Aufenthalt bei 50 Grad Außentemperatur erst erträglich macht.

Die Außentemperatur macht auch dem deutsche Botschafter Dr. Eckhard Lübkemeier zu schaffen. Nach Formel 1 musste er gleich zum nächsten deutschen Erfolgs-Event eilen und sprechen. Seine ehrliche Aussage zur unerträglichen Hitze im Land mit heißen Wintern und glühend heißen Sommern führte fast zum diplomatischen Eklat: ein Veranstalter sah offensichtlich seine Geschäftsidee Abi Dhabi denunziert und kritisierte den Botschafter ungefragt lautstark.

Der größte ökologische Fußabdruck

Weitläufige Einkaufszentren, riesige Villen, hohe Häuser mit immer laufenden Klimaanlagen, Swimmingpools mit gekühltem Wasser, Geländewagen, am liebsten spritfressende Hummer - die Vereinigten Arabischen Emirate stehen nicht für einen umweltfreundlichen Lebensstil. Laut WWF beträgt der ökologische Fußabdruck in den Emiraten pro Person 11,9 globale Hektar.

Ein globaler Hektar ist die Maßeinheit für die Menge produktiven Bodens und Wassers, die ein Mensch für die Produktion aller Ressourcen benötigt, die er in einem Jahr verbraucht sowie für den von ihm produzierten Müll. Selbst in den als Verschwender verschrienen USA beträgt der Fußabdruck „nur“ 9,6 Hektar, im weltweiten Durchschnitt sind es 2,2 Hektar. Dem WWF-Bericht zufolge haben die Emirate also pro Kopf den größten „ökologischen Fußabdruck“ weltweit.

Als die größten Herausforderungen für die Zukunft sieht der DRV allerdings nicht den Ressourcenverbrauch und die ökologische Auswirkungen eines extravaganten Lebensstils -- Nachhaltigkeit wird in der Rede des Verbandspräsidenten nur ganz am Schluss, ganz beiläufig erwähnt --, sondern die Auswirkungen der Digitalisierung: „Die gesamte Reisebranche durchlebt derzeit einen grundlegenden Wandel", erklärte der Verbandspräsident.

Und auch wenn die Zahl der Reisebüros aktuell wieder um 100 Büros anstieg, reine Hotel- und Flugportale wachsen weiterhin signifikant. „Selbstbestimmter Reisende" ist das Schlagwort. Der Kunde stellt sich sein Reisepaket selbst zusammen: Low Cost-Carrier plus 5-Sterne-Hotel. Er nutzt Facebook für Inspiration, Holidaycheck für Bewertungen, Trivago für den Preisvergleich des Hotels und entscheidet am Ende selbst, welche Leistung er wo bucht. Keine Freude für Veranstalter.

Wir wollen in der Politik mehr Profil zeigen“, sagte Fiebig. Denn es gebe verschiedene Entwicklungen, vor allem die gewerbesteuerliche Hinzurechung des Hoteleinkaufs für Veranstalter und die geplanten Neufassungen der EU-Richtlinien zur Pauschalreise und zur Versicherungsvermittlung, „die neue Hürden errichten und einen wirtschaftlichen Erfolg für Veranstalter und Reisebüros konterkarieren“. Die Politik werde stark von Interessen des Verbraucherschutzes geleitet. Es gehe darum, vernünftige Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, auch mit Blick auf neue Geschäftsmodelle wie die Vermittlung von Privatzimmern. „Was dem Kunden gefällt, setzt sich durch“, so Fiebig. Es sei für die etablierten Unternehmen „verschwendete Zeit“, gegen diese Marktentwicklung anzugehen, nur müsse der Rahmen für alle gleich sein.

Eine umstrittene Partnerschaft

Auch das neue Geschäftsmodell zwischen Etihad und Air Berlin wurde auf der Tagung gewürdigt. Peter Baumgartner, der Etihad Chief Commercial Officer aus der Schweiz setzt wie gewohnt auf Superlative und sieht Abu Dhabi als „natürliches Drehkreuz des internationalen Flugverkehrs der Zukunft“. Bis 2034 soll das Passagieraufkommen der Airline auf 7, 3 Milliarden verdoppelt werden. Etihad befindet sich vollständig im Besitz der Regierung von Abu Dhabi, also der Herrscherfamilie Al Nahyan. Seit Beginn des Flugdienstes im Jahre 2003 hat die Airline mehrere Anerkennungen für ihren Komfort und Service bekommen, zuletzt bei den World Travel Awards 2012 mit der Auszeichnung „führende Fluggesellschaft“.

Seit 2011 ist Etihad bei der verlustträchtigen Air Berlin mit 29,21 Prozent eingestiegen und hält die Fluglinie mit Finanzspritzen über Wasser. Ohne die Hilfen stünde Air Berlin vor dem Aus. Im Gegenzug sicherte sich die staatliche Airline vom Persischen Golf einen besseren Zugang zum deutschen Markt. Am Drehkreuz Abu Dhabi können Air-Berlin-Passagiere auf Etihad-Verbindungen umsteigen.

Die Partnerschaft der Fluggesellschaft Air Berlin mit ihrem Großaktionär Etihad Airways entzweit die deutsche Luftfahrt und bringt die Behörden auf einen Schlingerkurs. Das Luftfahrtbundesamt soll nun nach einigem Hin und Her Etihad gestattet haben, im Winterflugplan ab Ende Oktober Air-Berlin-Flüge unter eigener Flugnummer zu vermarkten. Der Disput um die Code-Share-Rechte ist nur eine Episode im Streit um die Rolle, die Etihad bei Air Berlin einnimmt. Während der Streit um die Code-Share-Rechte verbal hoch kocht, läuft ein weiteres Verfahren.

Es geht darum, ob der Einfluss von Etihad auf Air Berlin größer ist, als es die 29-Prozent-Beteiligung vermuten lässt und ob die Araber faktisch die Berliner aus Abu Dhabi fernsteuern. Ließe sich das bestätigen, dürfte Air Berlin nicht mehr als inländische Gesellschaft behandelt werden, Landerechte würden entzogen werden. Doch Money makes the world go round: Die Deutsche Lufthansa, die die Konkurrenz zu spüren bekommt, hat angekündigt, ihre Flüge nach Abu Dhabi einzustellen. Die Strecke sei für den deutschen Marktführer nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben.

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