: „Regelmäßiges“ wird freier, „Freies“ wird regelmäßiger
■ betr.: „Alte Meister ohne Kiefern hain“, taz vom 27. 3. 98
Anläßlich der Berichterstattung über die Diskussionen um die landschaftsarchitektonische Gestaltung des Kulturforums wurden über den Charakter der preisgekrönten Arbeit des Münchner Büros Valentin und Valentien Aussagen gemacht, die aus meiner Sicht, der Sicht der Landschaftsplanerin, die mit der Vorbereitung und Durchführung des Wettbewerbs intensiv beschäftigt war, nicht unwidersprochen bleiben können.
Da ist die Rede von der „Diktatur des rechten Winkels“, von „preußischem Zwangskorsett“. Daran wird deutlich, daß der Entwurf zum einen nicht als Ganzes gesehen und verstanden, sondern auf einen Ausschnitt reduziert wird, der zudem noch fehlinterpretiert wird. Betrachtet man den Entwurf als Ganzes, so sieht man, daß er auf die unterschiedlichen Baustile des Kulturforums jeweils auch mit einer spezifischen Freiraumgestaltung antwortet und nicht alle über einen Kamm schert. Rund um die Scharoun-Bauten gibt es Wiesen mit lockeren Baumgruppen. Diese werden aus Ölweiden gebildet, einem Baum, den der Gartenarchitekt Hermann Mattern, der mit Scharoun zusammenarbeitete, bereits dort pflanzte. Auch sein Element der Pflasterstrahlen, wie es am Haupteingang der Philharmonie vorhanden ist und welches ursprünglich auch noch an anderen Stellen vorgesehen war, wird aufgegriffen und erhält die Aufgabe, jeweils die Gebäudeeingänge hervorzuheben und zu ihnen hinzuleiten.
Auf die klassischen Bauten der Neuen Nationalgalerie und der St.- Matthäus-Kirche wird mit einer ebenso klassischen Freiraumgestaltung geantwortet: mit einem meist regelmäßig und locker gestellten Baumhain. Dieses Motiv ist aus Frankreich, Italien und Spanien vertraut, wo man das Spiel von Licht und Schatten, das dadurch entsteht, zu schätzen weiß (der Süden liegt für Münchner nicht nur geographisch, sondern auch gedanklich nahe). Mit Preußen hat es dagegen gar nichts zu tun; die Blütezeit Prueßens war die Zeit Lennés und Pückler-Muskaus, also zweier klassischer Landschaftsgärtner, die in ihren Parks jede Regelmäßigkeit vermieden.
Diese beiden Gestaltungsstile, freie Formen an der Philharmonie, mehr oder weniger regelmäßige an der Nationalgalerie, begegnen sich in der Mitte des Kulturforums und vermitteln zwischen den beiden Haltungen, indem sie sich gegenseitig durchdringen.
Die Regelmäßigkeit des Baumrasters wird vielfach „gestört“, zum einen durch den Erhalt der vorhandenen Robinien, zum anderen aber auch dadurch, daß einzelne Bäume aus der Reihe tanzen oder auch durch das Weglassen von Bäumen Lücken bleiben, Öffnungen entstehen. Diese „Störungen“ vermehren sich zur Mitte hin.
Gleichzeitig kommen von der Philharmonie her die strahlenförmigen Pflasterbänder und erstrecken sich bis in die Mitte des Baumhains. Da die ausgewählte Baumart zudem noch durch einen unregelmäßigen Stammwuchs gekennzeichnet ist, wird keinesfalls der Eindruck von „Zinnsoldaten“ oder ähnlichem entstehen.
Das „Regelmäßige“ wird freier, das „Freie“ regelmäßiger, je mehr sie sich einander nähern. So ergibt sich durch die Begegnung eine Versöhnung zwischen den beiden Architekturauffassungen, deren jeweilige Anhänger sich so unversöhnlich gegenüberstehen. Was will man mehr von einer landschaftsarchitektonischen Gestaltung im Kulturforum verlangen? Almut Jirku,
Landschaftsplanerin
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