Rebellen in Syrien: Die Herren des Schutts

Vor acht Monaten ging Aleppos Altstadt in Flammen auf. Heute hausen hier die Rebellen. Der Basar, ihr Leben, liegt in Trümmern.

Iyad, 32, hat Familie und Freunde verloren. Jetzt ist er Heckenschütze im zerstörten Souk von Aleppo. Bild: Francesca Borri

ALEPPO taz | Erschöpft, grau von Staub, schlängelst du dich zwischen den kein Ende nehmenden Sandsäcken durch, die vor den Heckenschützen Zuflucht gewähren. Wann kommen wir an, fragst du, die Nerven liegen blank, ist es noch weit? Und jetzt erst verstehst du diesen Krieg; als Alaa dir inmitten dieses Nichts sagt: Wir sind da.

Denn von den alten Souks in Aleppo, den wohl bezauberndsten 4.000 Quadratmetern des ganzen Mittleren Orients, der berühmtesten Postkartenansicht Syriens, voller Stimmenwirrwarr und Farbgeschichten, ein Überfluss von Leben, ist nichts geblieben als das: Schutt. Beim Gehen versinkst du darin bis zu den Knöcheln, überall gekrümmte Stangen aus rostigem Eisen, Glassplitter, Metallbleche, von Kugeln durchsiebte und zerfetzte Rollläden. Staub und Steine. Sonst nichts. Wirklich nichts.

Die Rebellen führen dich von Gasse zu Gasse, von Laden zu Laden, als seist du eine Touristin: Das ist der Baumwollmarkt, erklären sie dir, hier sind die Juweliere, rechts die Gewürze, dahinten die Silberschmiede. Aber dort gibt es nur Schutt. Hierhin kommt die Braut, um sich für ihre Hochzeit ein Kleid zu kaufen, sie zeigen auf irgendetwas Undefinierbares, und dort kann sie den Ring erwerben. Alle Verben im Indikativ Präsens – und du siehst nichts. Hier ist nicht einmal eine Ratte.

Iyad ist 32 Jahre alt, eine geknickte Seele trotz seiner muskulösen Statur. Er ist von Beruf Schreiner. „Meine Werkstatt ist dort hinten an der Ecke“, sagt er, selbst wenn die Ecke nur aus einem zusammengestürzten Dach besteht, Mauerresten. Und auch wenn er jetzt ein Heckenschütze ist, zwei Stunden am Tag, jeden Tag, und er hier schläft, mit einer Matratze und einer Decke nahe an einem Türspalt.

Sein Bruder ist tot, sein Vater ist tot, sein bester Freund, alle sind sie tot, seine zweijährige Tochter, im Handy hat er das Foto ihres im Blut liegenden Körpers, und jetzt ist er Heckenschütze, nichts anderes, zwei Stunden am Tag, hinter einem Schild aus Sandsäcken.

Sonst noch was?

Du starrst in das Loch, durch das er schießt, und die Helme der letzten Soldaten, die er getroffen hat, liegen noch mitten auf der Straße. Egal wie die Frage lautet, Iyad gibt immer die gleiche Antwort. Was spürst du, fragst du ihn, beim ersten Mal? Und er zeigt dir den Leichnam seiner Tochter, während ein Mann röchelt, der in Schussweite liegt, was glaubst du wohl? Und er zeigt dir den Leichnam der Tochter, und du fragst ihn: Wenn hier alles vorbei ist, was wirst du dann machen? Was für ein Syrien wird es künftig geben? Und nur der Leichnam der Tochter, nur das Blut, das sickert – bis er dir sagt: Wollen Sie sonst noch was wissen? Und er steckt sein Handy in die Tasche und fängt wieder an zu schießen.

Sie sind 17, 18, 20 Jahre alt und haben diese leeren Augen, durch die man durchsehen kann, in denen man den ganzen Schutt ihrer Geschichte sehen kann. Seit acht Monaten kämpfen sie hier, eine Uhr auf einer Mauer ist um 17.47 Uhr stehen geblieben, das war am 25. September und Aleppo ein Inferno, fast sekündlich gab es Explosionen, als die Altstadt von Aleppo, das UN-Weltkulturerbe, in Flammen aufging.

Sie tigern herum zwischen den Schutthügeln, mit ihren Kalaschnikows, T-Shirts und Bart-Simpson-Socken, die in Militärstiefeln stecken: Das sind die neuen Herren von Aleppo, Jüngelchen, die gerade mal einen Abschluss in der Tasche, gerade erst einen Beruf erlernt haben – aber nun eine Kalaschnikow besitzen. Jetzt wittern sie die Macht.

Nie wieder werden sie unbedeutend, niemand sein, wie unter Assad. Sie haben hier ihr Lager aufgeschlagen mit ihrem Feldkocher, einer Teekanne, ihrem Schlafsack, als befänden sie sich gerade auf Interrailtour. Mit ihnen zu reden ist zwecklos, man entlockt ihnen kein Wort, keine Gefühlsregung. Sie überwachen jeden Winkel; jeder Mauervorsprung hier hat seinen eigenen Checkpoint, seine eigenen Wachen.

Sie patrouillieren durch die Straßen einer imaginären Stadt – „dies ist der beste Schneider von Aleppo“, sagen sie, obwohl es nur ein Haufen scharfen Blechs im Gewehrfeuer von Heckenschützen ist. Und wenn du dann in eine Insektenwolke trittst, weißt du, die du Aleppo kennst, dass sich darunter menschliche Überreste befinden müssen.

Mit Videoüberwachung

Schweigen, das vom Wasser erzeugt wird, das aus einem kaputten Rohr tropft; Licht, das einzig aus den Schießscharten einfällt. Die Gassen wie Kirchenschiffe, belauert von dunklen Schatten. Amar, 17, ist Schweißer, Hasan, 20, Mechaniker; sie hocken vor einem Fernseher, mit einer Pepsi, die Beine auf einem schiefen Überrest eines Tisches ausgestreckt. Du denkst, sie gucken al-Dschasira, doch als du zerstreut näher kommst, begreifst du schlagartig, dass es sich um den Monitor eines Videoüberwachungssystems handelt.

Du dachtest, die Gefahr lauere hier nur hinter den Sandsäcken, aber nein, jemand beobachtet dich, jetzt in diesem Augenblick, jemand informiert jemand anderes über dein Eintreffen, man verfolgt dich: Es ist die Systematisierung des Todes hier, der Taylorismus des Krieges: der Übergang von der Tötung zur Eliminierung.

Ab und an schwirrt ein Stück Stoff durch den Schutt, zwischen den Steinen umher, ein Stück Seife, ein Schuhabsatz, eine Schachtel Visitenkarten, illegale Eindringlinge – als treibe die Strömung Bruchstücke des einstigen Lebens nach oben. Von diesen Straßen soll nichts Lebendiges nach außen dringen, das ist eine Frage der Methode.

Altmodischer Krieg

Wo ein Granatmörser explodiert ist, schimmert an einem bestimmten Punkt etwas Goldenes. Ein Leuchter. Du senkst neugierig den Kopf, lugst zwischen den Sandsäcken durch, schlüpfst hinein: Du findest dich zwischen von Kugeln zerlöcherten Koranen wieder. Hier stand einmal die Große Moschee. Die Mauern sind vom Artilleriefeuer gezeichnet, die Kandelaber entwurzelt. Es gibt Inschriften, abgerissene Dekoration, Schattierungen von Rot auf dem Teppich, die jetzt Schattierungen von Blut sind.

Von einem Pfeiler zum nächsten spannen sich dunkle Plastikplanen: Assads Heckenschützen befinden sich auf der anderen Seite des Hofes. Der Krieg von Aleppo ist hier ein Krieg nach Art des vergangenen Jahrhunderts, ein Schützengrabenkrieg, der mit Gewehren ausgetragen wird: Rebellen und Regimeanhänger sind sich so nah, dass sie sich gegenseitig beschimpfen, während sie aufeinander schießen.

Körper um Körper

An der Front kannst du es beim ersten Mal nicht glauben: Sie kämpfen mit diesen Bajonetten, die man aus Geschichtsbüchern kennt und von denen du dachtest, dass sie seit Napoleons Zeiten nicht mehr benutzt würden, und dies heutzutage, wo man Krieg mit Drohnen führt.

Stattdessen bekämpfen sie sich hier Meter um Meter, mit diesen an Stöcken befestigten Klingen, zersetzt vom Blut, und weil es wirklich ein Kampf ist, Straße um Straße, Körper um Körper, streiten sich die streunenden Hunde draußen um einen Schienbeinknochen.

Auch wenn sie nur Wächter eines Totenreiches sind, begrüßen sie dich mit dem Siegeszeichen, als posierten sie vor dem Kolosseum für ein Erinnerungsfoto, während sie doch in Wirklichkeit vor eingestürzten Minaretten und Bergen von sperrigem Blech stehen. Hier halten sie an.

Eintritt verboten, sagen sie: Dieser Bereich ist Frauen vorbehalten. Und obwohl es nur die verkohlten Reste von etwas sind, von denen du auch nicht weißt, was sie sein könnten – während sie also Wache halten, hast du plötzlich eine Eingebung: Alles hier, zwischen den Geistern der Bräute, ist heiliger als das Leben.

Es scheinen Gassen, Straßen, sie sind Die Straße von Cormac McCarthy (Roman des US-Autors, in dem ein Vater mit seinem Sohn durch ein postapokalyptisches Land wandert, Anm. d. Red.). Nicht einmal der Muezzin ruft noch zum Gebet: Er sucht Blutspender für die Verletzten des letzten Rakete, die vor einer halben Stunde niederging. Eine Maschinengewehrsalve reißt dich plötzlich raus – draußen beginnen sie wieder zu schießen. Das ist das einzige Lebenszeichen – draußen stirbt jemand. Jemand ist noch nicht gestorben.

Aus dem Italienischen von Sabine Seifert

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben