Rassistische Gewalt in Russland: Angst vor Hitlers Geburtstag

In Russland nehmen am 20. April fremdenfeindliche Überfälle durch Rechtsextremisten zu. Opfer sind vor allem nichtrussisch aussehende Bürger.

Russische Neonazis bei einer Demonstarion 2007. Bild: dpa

BERLIN taz | Unter den Migranten, die in russischen Städten leben, geht die Angst um. Sie befürchten, dass es am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, erneut zu Ausschreitungen und Gewalttaten gegen sie kommen wird. Seit Ende der 80er-Jahre nutzt die faschistische Szene in Russland dieses Datum, um verstärkt nichtrussisch aussehende Menschen anzugreifen. Die Opfer sind in der Regel Migranten aus den zentralasiatischen Republiken und dem Kaukasus sowie Ausländer aus Afrika und Asien. Auch jüdische Friedhöfe und Synagogen werden häufig an diesem Tag geschändet.

Alexander Brod, Direktor des Moskauer Büros für Menschenrechte, erklärte gegenüber der Agentur Interfax, eine radikalnationalistische Organisation habe bereits für den 20. April größere Aktionen angekündigt. Brod forderte das Innenministerium auf, die Aktivitäten von Rechtsradikalen rechtzeitig zu unterbinden. "Seit 2002 dürfen nichtrussische Studenten in Moskau am 20. April dem Unterricht fernbleiben", so Brod. Auch St. Petersburg und Nischnij Nowgorod hätten sich dem inzwischen angeschlossen.

Allein in den letzten drei Monaten sind nach Angaben des Moskauer Zentrums "Sowa", das seit Jahren die neofaschistische Szene beobachtet, 41 Menschen durch fremdenfeindliche Gewalt ums Leben gekommen, viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

"Die Menschen haben Angst, auf die Straße zu gehen", ließ der Pressesprecher der tadschikischen Botschaft in Moskau verlauten. Der Anteil der Tadschiken unter den Opfern rechtsradikaler Gewalt ist besonders hoch.

Auch die Grausamkeit der Überfälle verschärft sich, so "Sowa". Wurden Migranten in der Vergangenheit "nur" mit Messern angegriffen, so werden sie inzwischen gefoltert und gequält und die Taten werden noch dazu auf Video aufgenommen.

Das Wall Street Journal zitiert den in Russland lebenden Sojun Sadykow, ein Mitglied der aserbaidschanischen Gruppe "Aserross": "Wenn die Entwicklung noch zwei, drei Monate so weitergeht, werden viele Migranten auf Rache sinnen. Dann haben wir einen Bürgerkrieg", warnt er.

Dabei kann man der Miliz nicht einmal Untätigkeit vorwerfen. Im letzten Jahr verhaftete sie mehrere Rechtsradikale und zerschlug vier fremdenfeindliche Banden. Laut "Sowa" gibt es in Russland 70.000 Skinheads, von denen die Hälfte angeblich Kontakt zu gewaltbereiten, ausländerfeindlichen Gruppen hat. Derzeit leben in Russland 15 Millionen Migranten, bei einer Gesamtbevölkerung von 142 Millionen Menschen. Die Zahl der Migranten steigt.

Aus Angst vor Gewalt anlässlich des Hitler-Geburtstages wurden bereits im vergangenen Jahr Ausgehverbote verhängt, jedoch nicht gegen Faschisten, sondern gegen Migranten. Mehrere hundert ausländische Studenten der medizinischen Setschenow-Akademie in Moskau mussten im vergangenen Jahr zu Hitlers Geburtstag drei Tage in ihren Wohnheimen bleiben, um so vor Gewalt russischer Faschisten geschützt zu sein.

Zuletzt wurden am 13. April ein Kasache und eine Kasachin in der U-Bahn-Station "Kiewskaja" von Faschisten überfallen. Am 7. April hatten Skinheads zwei Inguschen mit Messern überfallen. Einer von ihnen erlag inzwischen seinen Verletzungen.

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