Ralf Sotscheck über den Amtsantritt von Liz Truss: Scheitern vorprogrammiert
Das kann nicht gut gehen. Liz Truss, die neue Premierministerin des Vereinigten Königreichs, hat am Dienstagabend vor ihrem Amtssitz in der Londoner Downing Street eine erstaunlich emotionslose und blutleere Rede gehalten, die vor Worthülsen strotzte.
Seit zehn Jahren gehört Truss den verschiedenen Regierungen an. Seitdem sind Wachstum und Produktivität sowie das Haushaltseinkommen in Großbritannien langsamer als in allen anderen EU-Ländern außer Zypern und Griechenland gestiegen; es herrscht die höchste Inflation seit 40 Jahren. Und jetzt kommt auch noch eine Steigerung der Energiepreise um 400 Prozent hinzu.
Von all dem lässt sich Truss nicht die Laune verderben, man kann die Realität ja ignorieren. Gut, es war ihre erste Rede als Regierungschefin, und da darf man vielleicht nicht allzu viel erwarten. Aber im Wahlkampf um die Nachfolge von Boris Johnson hatte sie ihre Pläne konkretisiert. Sie will den Karren durch Steuererleichterungen im Wert von 30 Milliarden Pfund aus dem Dreck ziehen, aber dieses Geld wird laut ihren Plänen vor allem den Reichsten zugutekommen. Und sie will für den Abbau von Bürokratie sorgen – ein Schlagwort, in das sich Politiker flüchten, wenn ihnen sonst nichts einfällt.
Großbritannien steht vor großen Herausforderungen. Truss erweckt nicht den Eindruck, als wäre sie ihnen gewachsen. Und im Hintergrund lauert immer noch das Nordirland-Protokoll, das Teil des Brexitvertrages ist. Es regelt, dass Nordirland Teil des EU-Binnenmarktes bleibt, um eine harte Grenze auf der irischen Insel zu vermeiden. Weil Nordirland dadurch anders behandelt wird als der Rest des Vereinigten Königreichs, haben die Unionisten die Regionalregierung in Belfast im Februar zu Fall gebracht.
Truss hat ihnen versprochen, das Protokoll außer Kraft zu setzen, ein entsprechendes Gesetz ist auf den Weg gebracht. Aber ist sie wirklich bereit, dafür einen Handelskrieg mit der EU zu riskieren? Ihre Sprache ist jedenfalls kriegerisch: „Wir haben von der Geschichte gelernt, dass die EU nur eins versteht, nämlich Stärke.“ Truss hat eigentlich genug dringendere Probleme.
Umverteilung gegen rechts
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