■ Radiodays: Montag
Ob Straßenlärm nun Nervkrach ist oder ein kostbarer Klang, ist wohl eine Frage der Einstellung. Hildegard Westerkamp hat den akustischen Müll zum Rohstoff ihrer Audiokunst erhoben. Und wir sollten ihr bedingungslos in dieser Meinung folgen. Denn die aus Deutschland entflohene Wahl-Kanadierin reißt für uns alle (Hör-)Erfahrungsgrenzen ein. Sie lehrt das Lauschen, ohne dogmatisch zu sein, verfremdet bekanntes, oft unbeachtetes Material zu vielstimmig-hypnotischen Klanggebilden: Stadt und Land sind ihr Hörrevier. Um die in Kanada renommierte Künstlerin auch hier bekannt zu machen, führt Sabine Breitsameter zu nachtschlafender Zeit drei ihrer Arbeiten vor: A Walk through the City (eine sinnliche Odyssee durch Vancouver), Beneath the Forest Floor (wo Klang als unerschöpflicher Bildgenerator fungiert) und Fantasie for Horns (was meditativ ist ohne „Sektenzwang“). Und tatsächlich: Wer diese Stücke mitkriegt, hört später klarer!
Mit den Hörstücken verwoben, verfolgt die Sendung auch den Entwicklungspfad der Künstlerin: Nach institutionsüblichen Einschüchterungen am Konservatorium von Burnaby traf sie auf Murray Schafer, den Begründer der akustischen Ökologie. Sie befreite sich vom Banne der Mozarts & Co. und richtete von nun an Ohr und Mikro auf die Klangrohstoffe unserer Zeit. Zunächst als Tonsammlerin, in Metropolen und Wäldern. Später dann, am Tonband mit den objets trouvés spielend, fielen die Alltags- und Umweltgeräusche fast wie von selbst in eine filigrane Ordnung. Die akustische Leidenschaft verbindet Frau Westerkamp mit politischem Engagement: Ihre sensibel recycelten Kompositionen sollen, mal platt gesagt, Klang-Umweltsünder betören und bekehren (SFB3, 23 Uhr). GeHa
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