Radio im Netz: Der Zuhörer entscheidet

Der digitale Hörfunk "DRadio Wissen" sendet seit einem Monat und beweist trotz fehlender Musik ein kluges Konzept, das seine Zuhörer findet: Studenten.

Die eigentliche Zielgruppe von DRadio Wissen: Studenten. Bild: dpa

Wer dieser Tage in der Hörfunkdirektion des Deutschlandradios anruft, bekommt es mit Menschen zu tun, die sich höchst entspannt geben. Mit Dietmar Timm zum Beispiel. Der 61-Jährige leitet einen Kanal, dessen ganzes Konstrukt so gar nicht zu dem einzigen nationalen Hörfunksender passt: DRadio Wissen soll in erster Linie frisches Publikum ansprechen, sendet nicht auf einer UKW-Frequenz, sondern nur in digitalen Netzen, und die Programmmacher sind deutlich jünger als viele ihrer Kollegen im Kölner Funkhaus - vom Chef mal abgesehen.

Seit exakt einem Monat sendet DRadio Wissen. Damals startete mit dem Kanal ein waghalsiges Experiment. Die Sache hätte gehörig in die Hose gehen können. Die große Frage war, ob die junge Generation so einen Sender überhaupt braucht. Senderchef Timm spricht jedenfalls von einer "großen Erleichterung", wenn er sich die Abrufzahlen anschaut: Mehr als eine Million Mal sei der Live-Stream des 24-Stunden-Programms auf der Seite wissen.dradio.de geklickt worden, täglich derzeit etwa 40.000-mal.

"Das übertrifft meine Erwartungen", freut sich Timm. Er selbst sei ja "viel bescheidener" an die Sache herangegangen und habe im Monat eher an 20.000 Live-Abrufe gedacht. Damit aber machte er sich die Sache freilich auch recht einfach: Wer die Messlatte niedrig setzt, erhöht die Chance, nach dem Wettstreit als Gewinner dazustehen. Und so zeigt der Vergleich auch: Den Deutschlandfunk, das Flaggschiff des Kölner Senders, hören im Netz mehr als doppelt so viele Menschen, und das, obwohl der Sender auch in vielen Regionen regulär via UKW ausstrahlt wird.

Und doch, die Zahl zeigt: Zumindest ein Stammpublikum hat DRadio Wissen gefunden. Hinzu kommen ohnehin noch die Abrufe einzelner Beiträge auf der Webseite und als Podcasts. Das ist unter den Möglichkeiten, DRadio Wissen zu hören, sowieso die spannendste Form, denn der Kanal bündelt in einem guten Dutzend Podcasts klar abgetrennte Interessen - von einzelnen Wissenschaften bis hin zum politischen Geschehen und dem Umgang mit Geld und Karriere.

Viele Hörer haben DRadio Wissen übrigens geschrieben, sie wünschten sich deutlich mehr Musik im Programm. Darauf hat der Kanal bisher weitgehend verzichtet und kam stattdessen als sogenanntes Wortprogramm daher - mit Beiträgen statt Gedudel. Timm sagt, seine Redaktion überlege nach dem Feedback nun, ein "intelligentes Musikformat" zu starten. Was immer das heißen mag.

Mit einem solchen Schritt würden die Programmmacher aber in jedem Fall beweisen, dass sie halten, was der Programmdirektor des gesamten Hauses, Günter Müchler, versprach: Dass seine dritte Welle ein "Radiolabor" sei, das seine Inhalte stets neu an die Bedürfnisse der Hörer anpassen werde.

Im ersten Monat hat die Redaktion Timms Angaben nach zudem gleich mehrfach Probleme dabei gehabt, die Sendeplätze der sogenannten Radiolinks zu bestücken. In denen will DRadio Wissen abends Wissensformate anderer Sender übernehmen, um ein Best-of von ARD-Wellen und ausländischen Programmen zu bieten - und natürlich auch, um zu sparen. Timm sagt, es seien "überraschend Urheberrechtsprobleme" aufgetreten, vor allem bei der Frage, ob ARD-Sendungen übernommen werden könnten. Einige Formate würden deshalb vorläufig zusätzlich wiederholt, um die Lücken im Programm zu stopfen.

"Wir haben aus der Not aber auch eine Tugend gemacht", sagt Timm und berichtet, seine Redaktion habe ein neues Format gestartet, das einmal pro Woche zusammenfasst, was zur Serie "Mein Studium" gesendet wurde, und sich anfangs um Juristen kümmerte, in der vergangenen Woche um Germanisten. Eine Reihe, die sich sehr brauchbar durch alle Sendungen zieht und beweist, wer die eigentliche Zielgruppe ist: Studenten.

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