Psychische Gesundheit und Klasse: Die Depressionen der Anderen

Auch reiche Menschen werden psychisch krank. Das Leiden der Seele verbindet über Klassengrenzen hinweg. Erst im Umgang offenbaren sich Privilegien.

Eine Gesicht hinter einer Scheiber

Depression als gemeinsamer Bezugspunkt? Foto: Alberto Mendez/Imago

Es liegt auch an Literatur, dass wir wieder mehr über Klasse sprechen. Genauer gesagt an Literatur von Proletenkindern, zunächst aus Frankreich: Ernaux, Eribon, Louis. Und dann auch aus Deutschland: zuletzt „Streulicht“ von Deniz Ohde.

Wer sich in dieser Literatur wiedererkennt, bekommt Begriffe und Bilder, mit denen er sich selbst verstehen, sich im gesellschaftlichen Ringen um Geld und Macht verorten oder sich eben gegen diese Art des Ringens positionieren kann. Mir hat diese Literatur geholfen. Auch wegen ihr schreibe ich diese Kolumne.

Gerade aber lese ich Bücher mit postmateriellem Blick auf die Welt, die dennoch ähnlich und doch ein bisschen anders wirken. Es geht um Menschen, die sich nie Gedanken machen mussten, ob das Geld reicht; deren Leben nicht schon immer von der Frage strukturiert ist, wie sie sich finanziell absichern können; die beim Stichwort Altersvorsorge nicht resigniert abwinken; in deren Leben es so Dinge gibt wie: Eigentum, Erbe, Einfamilienhaus.

In Ottessa Moshfeghs Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, der für mich einer ethnologischen Studie gleicht, leidet so eine junge Frau, die eigentlich alles hat: Wohnung in Manhattan, Kunstgeschichte-Abschluss von der Eliteuni, Job in einer Galerie, wobei Lohnarbeit für sie eher so etwas ist wie ein Hobby, dem man nachgehen kann, wenn man Lust darauf hat, aber nicht unbedingt muss. Denn ihre wohlhabenden, toten Eltern haben ihr eine Immobilie und viel Geld hinterlassen, so viel, dass sie Klamotten in einem Luxuskaufhaus bestellt, an deren Erwerb sie sich nicht mehr erinnert, wenn die Pakete ankommen.

Gemeinsam krank, verschieden gesund

Auch wenn man als Leser ganz woanders herkommt, fühlt man mit ihr, wenn sie ihre depressive Lebensunlust und ihren unbenennbaren Mangel mit jenen Käufen und vor allem mit exzessivem Medikamentenmischkonsum zu umgehen versucht. Ein Moment, in dem man das Sowiesoklare nochmal auf eine andere Weise verinnerlicht: Reiche haben Depressionen, auch wenn ich Depressionen eher von Menschen kenne, die krank geworden sind, weil sie um das Notwendigste kämpften.

Die banale Erkenntnis erleichtert, weil die Verhältnisse offenbar auch die anderen, die Wohlhabenden krank machen. Man kommt sich so näher. Depression als gemeinsamer Bezugspunkt? Ausgangspunkt gemeinsamer Revolution?

Die fremde Lebenswelt entsetzt aber auch, denn sie offenbart die unversöhnliche Differenz: Während die einen es sich leisten können, zugunsten ihrer psychischen Gesundheit zeitweise auszusteigen und zu versuchen, ungute Gefühle tagelang wegzuschlafen, wie die Frau in Moshfeghs Roman, müssen andere auch depressiv funktionieren; die Depression kann auf der einen Seite Existenzen zerstören, auf der anderen Seite ist zumindest in materieller Hinsicht ein Neuanfang möglich. Und wenn es einem hier dann wirklich besser geht, kann man auch das Hobby Lohnarbeit wieder aufnehmen.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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