Prinzip Mikrozeitung: Gossweilers Jungfrau

Mit rein lokalen Inhalten und crossmedialer Anzeigen-Akquise will ein Kleinverleger die Zeitung neu erfinden. Die Lizenzierung des Modells läuft schleppend.

Im Berner Oberland wirtschaftet das Mikro-Blättchen "Jungfrau Zeitung" äußert solide: Ein Beispiel das Schule macht? Bild: dpa

Ein Schweizer Kleinverleger aus dem Berner Oberland möchte die Medienwelt revolutionieren: Urs Gossweiler setzt auf die crossmediale und rein lokale Zeitung für überschaubare Regionen, sogenannte Mikrokosmen.

Folgerichtig spricht Gossweiler von seiner "Mikrozeitung". Die rein lokale Berichterstattung bezeichnet er selbstbewusst als "weltweit einzigartig". Auch auf das Prinzip "Online first" ist er stolz: Die acht Redakteure seines bisher einzigen Titels Jungfrau Zeitung für die Region Interlaken arbeiten in Personalunion für die Print- und Onlineausgabe inklusive Handy- und iPhone-Version, wobei sämtliche Inhalte in beiden Formaten zu finden sind.

Der wirtschaftliche Erfolg scheint Gossweiler, der in Schweizer Verlegerkreisen eher als Außenseiter gilt, recht zu geben: Während sich bei den meisten Zeitungen die Idealformel - zwei Drittel Werbeerlöse, ein Drittel Verkaufserlöse - wegen des Anzeigenrückgangs immer mehr verschiebt, wirtschaftet die Jungfrau Zeitung stabil. "Dies ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass wir nur noch crossmediale Gesamtkonzepte und nicht mehr klassische Anzeigen für die gedruckte Ausgabe verkaufen", so Gossweiler.

Die Werbeeinnahmen aller Schweizer Pressetitel gingen 2009 um 20 Prozent zurück, die der Jungfrau Zeitung lediglich um 1 Prozent. Von 2000 bis 2007 seien die Anzeigenerlöse sogar um 88 Prozent gestiegen. Die Jungfrau Zeitung erreicht in ihrem Mikrokosmos von 50.000 Einwohnern eine Reichweite von fast 70 Prozent.

Die Gossweiler Media AG bietet ihr Konzept der Mikrozeitung samt dem eigens entwickelten Redaktions- und Produktionssystem im Lizenzierungsverfahren auch für andere Regionen an. Urs Gossweiler sieht im deutschsprachigen Europa Potenzial für 1.000 Mikrozeitungen, im französischsprachigen für 700 und im italienischsprachigen für 400. Bis die erste Lizenz für umgerechnet rund 175.000 Euro verkauft werden konnte, verging allerdings trotz der guten Zahlen der Jungfrau Zeitung viel Zeit. Am vergangenen Donnerstag ist nun die Obwalden und Nidwalden Zeitung (ONZ) in der Innerschweiz online und am Freitag in gedruckter Form erscheinen.

Frühere Versuche, Lizenzen zu verkaufen, waren gescheitert. Gossweiler glaubt, dass es falsch war, die Gespräche mit Verlagshäusern zu führen. Die Lizenz für die ONZ wurde daher an verlagsfremde Investoren veräußert. "Die Zukunft des Modells Mikrozeitung hängt maßgeblich vom Erfolg dieses ersten Lizenztitels ab", ist sich Gossweiler bewusst.

Ist die Herstellung einer Zeitung mit ausschließlich lokalen Themen tatsächlich ein Erfolgsrezept für die Zukunft? Die Tageszeitung ist laut einer aktuellen Studie des US-amerikanischen Pew-Forschungszentrums weiterhin die wichtigste Informationsquelle für lokale Ereignisse. Inken Boyens, Vorsitzende des Verbands Deutscher Lokalzeitungen, verweist auf Befragungen, denen zufolge sich deutsche Leser in ihrer Lokalzeitung auch nationale und internationale Themen wünschen. "Ich sehe in Deutschland auf lange Sicht die Priorität der gedruckten Tageszeitung mit umfassendem Informationsangebot", sagt Boyens. Sie glaubt nicht, dass das Modell der Mikrozeitung einfach übertragbar ist. Dies habe sich etwa bei den Gratiszeitungen gezeigt: Anders als in der Schweiz haben sich diese in Deutschland nie etablieren können.

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