: Premier Marković wird geopfert
■ Die Präsidenten Serbiens und Kroatiens sollen seine Ablösung beschlossen haben/ Annäherung der verfeindeten Republiken?/ Kampagne gegen den Premier/ BRD will Hermes-Bürgschaften sperren
Belgrad (dpa) — Die Präsidenten der beiden größten jugoslawischen Republiken, der Serbe Slobodan Milosević und der Kroate Franjo Tudjman, haben offenbar die Ablösung von Regierungschef Ante Marković vereinbart. Am Mittwoch berichteten Belgrader Tageszeitungen über ein überraschendes Geheimtreffen der beiden Staatsleute am letzten Montag. Danach soll Marković auf Wunsch Serbiens ausgebootet und durch eine „Regierung von Wirtschaftsexperten“ unter dem Präsidenten der jugoslawischen Wirtschaftskammer, Schuster, ersetzt werden. Mit diesem Manöver soll einer Annäherung Serbiens und Kroatiens bei den Verhandlungen aller sechs Präsidenten Jugoslawiens am heutigen Donnerstag in Split der Weg geebnet werden.
Nach Angaben der Belgrader Zeitung 'Borba‘, die der Bundesregierung nahesteht, will Marković seinen Platz nicht kampflos räumen. Das Blatt warnte, daß bei einem Rücktritt von Marković dringend benötigte ausländische Finanzhilfen ausbleiben würden: „Dann bleibt nur noch übrig, das bolschewistische Konzept des Gelddruckens anzuwenden.“ Der enge Berater von Tudjman, Marin Nobil, klagte hingegen Markovićs Wirtschaftspolitik an. Der Belgrader 'Vecernje novosti‘ sagte er, die Bundesregierung müsse unverzüglich „umgebaut“ werden, um „die totale wirtschaftliche Katastrophe“ abzuwenden. „Über dem Rücken des Regierungschefs kann die Entspannung beginnen“, kommentierte die slowenische Zeitung 'Delo‘, die den Unabhängigkeitskurs ihrer Regierung unterstützt. Marković würde geopfert, damit beide Seiten ihr Gesicht wahren können. Dieser Deal bringe beiden Seiten Vorteile. Milosević kann die Verantwortung für die ökonomische Katastrophe der Reformpolitik Markovićs anlasten, Tudjman wird einen der letzten Vertreter einer demokratisch erneuerten Föderation los.
Prompt setzte in den serbischen Blättern eine Diskriminierungskampagne gegen Marković und seine Mannschaft ein. Die Belgrader Zeitungen 'Politika‘ und 'Politika Ekspres‘ beschuldigten zahlreiche Regierungsmitglieder, sich bei Reisen im In- und Ausland gesetzwidrig bereichert zu haben. Allein Premier Marković schulde der Bundeskasse 192.760 Dinare (21.400 Mark), Außenminister Budimir Loncar sogar knapp 1,3 Millionen Dinare (144.000 Mark). Die Kabinettsmitglieder seien, so die letztgenannte Zeitung, „mit dem gesellschaftlichen Eigentum“ nach der Devise umgegangen, „das gehört ja sowieso niemandem“.
Daß die Ablösung des von den EG-Staaten geschätzten Marković gravierende Folgen für die Kreditwürdigkeit Jugoslawiens haben wird, steht auch für den stellvertretenden Chef der jugoslawischen Nationalbank, Zarko Trbojevic, fest. Laut Auskunft des Bankiers überlegt die BRD-Regierung gegenwärtig, alle Hermes-Bürgschaften für Ausfuhren nach Jugoslawien zu sperren. Hermes hatte ursprünglich für das laufende Jahr 200 Millionen Mark zur Absicherung der Exporte bereitgestellt. Zur Begründung soll deutscherseits ausgeführt worden sein, daß die innenpolitische Krise Jugoslawiens wachsende ökonomische Unsicherheiten heraufbeschwöre.
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