Pranksterpop von Joanne Robertson: Das ist die reinste Alchemie

Die britische Künstlerin Joanne Robertson macht auf dem Album „Black Moon Days“ hypnagogischen Folk. Nun kommt sie nach Deutschland.

Bedroom-Produzentin: Joanne Robertson. Bild: Bruna Amaral/Promo

Als der russische Literaturtheoretiker Wiktor Schklowski in seinem Aufsatz „Kunst als Verfahren“ 1916 den Begriff „ostranenie“ schuf, arbeitete er damit die Unwägbarkeit von Poesie heraus, die Fähigkeit, dass Worte ihre Bedeutungen verfremden können und gerade deshalb Leserfantasien erzeugen. Kunst sei ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben, schrieb er.

Auf die Musik der Britin Joanne Robertson angewendet, heißt das, ihr zweites Album „Black Moon Days“ verwendet Stilelemente von Folk. Nur inszeniert sich die aus dem Arbeiter-Seebad Blackpool stammende Künstlerin mitnichten als traditionsbewusste Singer-Songwriterin.

Robertsons Songs laufen in ein ästhetisches Neuland, in dem Sound und Songtext ihre Geschichten fragmentieren, bisweilen auch abschreckend wirken, aber immer Stimmungen evozieren. In ihrer Jugend, so heißt es, schreckte Robertson die am Strand campierenden Hippies mit atonalem Gitarrenlärm. Bevor sie selbst vor den Nebenwirkungen von Drogen nach Paris flüchtete.

Leere Gesichter

Joanne Robertson: „Black Moon Days (Feeding Tube)

Live: Sonntag, 26. April, im Acud, Berlin

Mehr als für ihre Musik, ist die an der Kunsthochschule im schottischen Glasgow ausgebildete Künstlerin für ihre figurativen Gemälde bekannt. Menschliche Umrisse in typischen Posen sind darauf zu erkennen: Sitzende und Liegende, der Bildhintergrund ist reich verziert, aber ihre Gesichtszüge bleiben leer, sie sind nicht zu Ende gemalt, unfertig. Robertsons Gemälde wirken unvollendet.

Dieses Unvollendete zieht sich auch durch ihr musikalisches Werk. Nach ihrem vom Künstlerkollegen David Cunningham produzierten Debütalbum „The Lighter“, das 2008 erschien, verschwand sie für einige Jahre von der Bildfläche. Um dann an den Alben „The Redeemer“ (2013) und „Black Metal“ (2014) von Dean Blunt mitzuwirken.

Sie lieh Blunts Songs nicht nur Stimme und Gitarre, sie übernahm kurzerhand die Rolle von dessen ehemaliger Partnerin Inga Copeland. Seinerseits wirkt der afrobritische Pop-Prankster nun bei einem Song auf „Black Moon Days“ mit. Die Art, wie Billo-Drumbeat, Gesang und Gitarrenakkorde in „Hi Watt“ aneinander vorbeischrammeln, führt von dem disparaten, aber doch geraden Groove seiner eigenen Songs weg.

Noch konsequenter als Blunt schaltet und waltet Robertson auch mit der Dynamik. „Waves“, der Auftaktsong ihres neuen Album, erinnert an ihre Noise-Anfänge, ähnlich geartet „Bricklin“, das vollkommen übersteuerte Finale, während das titelgebende „Black Moon Days“ und sein Videoclip mit Bildern von einem Tag an der nordenglischen Küste noch am stärksten dem klassischen Folkidiom entspricht. „Das ist die reinste Alchemie“, befand der US-Musikkritiker Byron Coley und veröffentlichte Joanne Robertsons „Black Moon Days“ auf seinem eigenen Label.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de