: Post aus der Moderne: 13. Prairial
Weymar, im Juni 1789 (Journal des Luxus und der Moden) Leser-Beytrag zur Verbeßrung der Teutschen Brief-Form: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen als Annalisten unserer Sitten, Gebräuche, Genüße, Moden und Formen unsers Leibes und Geistes, einen Gedanken über die Verbeßrung unsrer teutschen Briefform mitteile. Sehr viele
Handlungen
im mensch
lichen Leben
erhielten in äl
tern Zeiten
durch verschie
dene Neben
umstände eine
gewiße Rich
tung und Zu
schnitt, wovon
man in der
Folge, da jene
Umstände
längst schon
nicht mehr vor
handen waren
und oft eine ganz entgegengesetzte Einrichtung zweckmäßig gewesen wäre, nicht abzugehn wagte, weil der erste Gebrauch durch die Gewohnheit gleichsam geheiligt und zur Landessitte und Mode geworden war. So verhielt sichs mit den französischen Aufschriften der Briefe. Die ersten Posten wurden in Teutschland durch französische Post-Officianten eingerichtet und bedient; damit diese nun als der teutschen Sprache unkundige Leute in Stande waren, die Briefe richtig zu bestellen, sahe man sich genötigt, die Aufschriften der Briefe in französischer Sprache abzufaßen. Die ersten französischen Post-Bedienten starben nach und nach ab, gebohrne Teutsche lernten und besorgten das Postwesen, aber die französischen Aufschriften dauerten fort ohngeachtet es oft zu manchen Mißverständnissen Anlaß gab. Die armen Botenweiber, welche die Briefe aus der Residenz auf ihr Dorf, und vom Dorfe in die Stadt tragen mußten, waren geplagte Geschöpfe, weil für diese nicht nur der Inhalt der Briefe sondern auch die Aufschrift ein beständiges Räthsel blieb. Der größte Teil des teutschen Publikums ist schon auf ihrer Seite, meine Herren, und gewohnt, von Ihnen gelenkt zu werden, versuchen Sie doch einmal, ob sich's nicht auch in diesem Stücke von Ihnen lenken läßt.“ Wir müßen dieß schmeichelhafte Compliment, das der Herr Verfaßer dieses Aufsatzes uns hier zu machen beliebt, in jedem Fall verbitten. Wir sind nichts als treue Historiographen des Geistes unserer Zeitgenossen in Europa. Eine lächerliche Anmaßung würde es von uns seyn, das teutsche Publikum, das sich, wie ein Theil des Welt-Meeres, eigentlich nur nach seinen eignen Grundgesetzen bewegt, wie ein Bächlein leiten zu wollen. D. Hg. 13.Prairial
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