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Polens rote Elefanten unter sich

■ Das Comeback eines Ex-KP-Chefs: Mieczyslaw Rakowski wird Chefredakteur einer Wochenzeitung

Er kam zu spät, und das Leben bestrafte ihn – aber nur für eine kleine Weile. Als Mieczyslaw Rakowski es 1989 schaffte, den Thron des Ersten Sekretärs der polnischen Kommunistischen Partei (PVAP) zu besteigen, brach die Partei buchstäblich unter ihm weg. Innerhalb weniger Monate wurde der Gorbatschow-Anhänger zum General ohne Armee: Die Partei löste sich auf, Rakowski begab sich aufs Altenteil. Jetzt ist der gelernte Journalist und frühere Chefredakteur der moderaten polnischen Parteiwochenzeitung Polityka wieder da: als Chefredakteur einer bekannten Wochenzeitung.

Zunächst sah es nach dem Sturz der PVAP gar nicht gut aus für Rakowski. Zwar gründete sein früherer Regierungssprecher Jerzy Urban, der mit einer polnischen Version der französischen Satirezeitschrift Canard enchainé steinreich geworden war, eine winzige sozialdemokratische Theoriezeitschrift und verschaffte seinem Ex-Chef dort ein Gnadenbrot. Doch Polens neue Regierenden wollten dem Ex-Parteichef einen Prozeß wegen Devisenvergehen machen: Er hatte 1990 einen Kredit der KPdSU an seine Partei ohne Genehmigung der Nationalbank zurückbezahlt. Rakowski wurde allerdings herzkrank und das Verfahren eingestellt.

Sein jüngstes Comeback im Medienbetrieb hat er alten Seilschaften zu verdanken. Als Rakowskis Polityka noch als interessanteste Zeitung des gerade zerbröckelnden Ostblocks galt, machte sie Dariusz Titus Przywieczerski, den Chef der bis dato staatlichen Außenhandelszentrale Universal, zum „Manager des Jahres“. Sein Verdienst: Noch bevor es ein Privatisierungsgesetz gab, hatte er es geschafft, seinen Betrieb zu privatisieren. Selbstredend hielt er danach persönlich ein größeres Aktienpaket, und zahlreiche weitere Anteile lagen bei geheimnisvollen kleinen Firmen in der Schweiz, Großbritannien und Polen. Die Universal AG wurde zu einem der „roten Elefanten“, einem jener Betriebe aus dem Umfeld von Partei und Geheimdiensten, die mit Hilfe bester Verbindungen stets auf billige Kredite und ein geneigtes Ohr der Behörden rechnen konnten.

Inzwischen hat die Universal AG so viel freie Mittel, daß sie sich in Polens einziges landesweites Privatfernsehen einkaufen konnte. Und auf einem Neujahrstreffen für Journalisten verkündete Universal-Chef Przywieczerski, seine Firma habe auch die bankrotte Wochenzeitung Przeglad Tygodniowy übernommen. Neuer Chefredakteur werde Mieczyslaw Rakowski. Der schrieb seit dem Wahlsieg der polnischen Exkommunisten auch in deren Organ Trybuna. Auch an ihr hält Universal Anteile.

Die Dynamik, mit der Universal eine Firma nach der anderen schluckt, hat in Polen schon mehrmals für Aufregung gesorgt. „Ein neuer Medienkonzern nach dem aufgelösten Parteimonopol RSW ersteht wieder auf“, titelt nun die Gazeta Wyborcza. Zu kommunistischen Zeiten gehörten fast alle Periodika entweder direkt der KP oder deren Pressegenossenschaft RSW, die 1990 aufgelöst wurde.

Rakowski selbst hält solche Vergleiche für fehl am Platze: „Völliger Blödsinn, Przywieczerski ist ja nicht mal Alleinbesitzer, und ich bin nicht Chefredakteur, sondern Verlagschef.“ Auf jeden Fall werde Przeglad nun eine „linke, fortschrittliche Zeitung“ werden, „aber an keine Partei gebunden“. Mehr will Rakowski vor dem Termin des Neuerscheinens am 10. Januar nicht verraten.

Universal hat außer einer Lizenz für Waffenhandel und einem angekratzten Image auch Anteile an Privatradios, mehreren Zeitungen und Zeitschriften, vor zwei Jahren schluckte die Firma eine große Warschauer Walzfabrik und hält außerdem größere Aktienpakete an mehreren Banken. Als der sardinische Medienzar Nicola Grauso, ein Geschäftsfreund von Silvio Berlusconi, seine Aktienmehrheit an der Warschauer Tageszeitung Zycie Warszawy zum Verkauf anbot, bewarb sich auch Universal.

Noch ist keine Entscheidung gefallen, doch sollte ein erneuter Universal-Coup fällig werden, drohen den Redakteuren der rechtsgerichteten, antikommunistischen Zeitung saure Zeiten: Zycie Warszawy war bisher stets besonders eifrig, wenn es darum ging, die Verbindungen zwischen Polens „roten Elefanten“, der Parteinomenklatura und der Schattenwirtschaft aufzudecken. Einer ihrer Lieblingsfeinde: Dariusz Przywieczerski. Klaus Bachmann

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