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Plattenverschiebung

In den Plattenbauten in Halle-Neustadt wohnen Jüngere mit Migrationsgeschichte und Ältere mit DDR-Biografie Tür an Tür. Die einen dürfen bei der Landtagswahl wählen, die anderen nicht

Aus Halle-Neustadt von Anne Fromm (Text) und Thomas Victor (Fotos)

Wenn Andre Prayoga joggen geht, dann rennt er an Frida Kahlo vorbei und an Karl Marx. Gigantische Wandbilder auf großen Plattenbaufassaden, Kunst im öffentlichen Raum. Prayoga liebt diese Bilder. Sie bringen Leben in sein Viertel, findet er. Sein Viertel, das ist Halle-Neustadt.

Seit Kurzem joggt Prayoga auch an einem Plakat vorbei. „Abschieben ab Minute eins“ steht darauf und: „Alles ist möglich. AfD“.

„Dieses Plakat meint mich“, sagt Andre Prayoga und muss lachen. Er lacht, weil er den Spruch so irre findet.

Andre Prayoga joggt nicht durch den Park, sondern am liebsten durch sein Viertel: Links und rechts reiht sich ein Plattenbau an den nächsten. Fünf, dreizehn, achtzehn Stockwerke, bis zu 300 Wohnungen pro Block. Ab 1964 wurden sie gebaut, für ein anderes Deutschland. 90.000 Menschen sollten hier einmal wohnen, da war Prayoga noch nicht geboren.

Prayoga trägt eine kurze, gelbe Adidas-Hose. Einen deutschen Pass hat er nicht, dafür eine ziemlich deutsche Frisur, einen Vokuhila. Und er kennt die Codes und Zeichen von Rechtsextremen, er entdeckt sie in der letzten Zeit immer öfter in der Neustadt: Runenschrift, 88, 18. Wenn er einen Sticker sieht, reißt er ihn ab.

Er nimmt jetzt die Treppen hoch zu seiner Wohnung, einer Dreier-WG. Er teilt sie mit zwei anderen Indonesier:innen. Drei Zimmer, Südbalkon, 500 Euro warm. Die Küche ist chaotisch, auf dem Tisch ist gerade Platz für zwei Tassen Kaffee.

Prayoga ist 33 Jahre alt und in Jakarta geboren, nach Deutschland kam er 2013. Erst hat er studiert, dann eine Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen, nun ist er im letzten Lehrjahr. Sein Visum ist an die Ausbildung geknüpft. Endet sie, endet auch sein Visum. „Natürlich können die mich abschieben, wenn die wollen.“

„Die“, damit meint Prayoga die AfD. Er hat das Wahlprogramm gelesen, hat sich die Kan­di­da­t:in­nen angeschaut. Wählen darf er nicht. Wenn er das Haus verlässt, überlegt er, ob er seine Lederjacke mit den vielen Abzeichen anzieht, auch ein durchgestrichenes Hakenkreuz. Prayoga ist Heavy-Metal-Fan, spielt selbst in einer Band.

Dass Prayoga in Halle so gut ankommen würde, hatte er nicht erwartet. In Frankfurt am Main, wo er erst studiert hat, hatten ihm Freunde gesagt: Geh nicht nach Ostdeutschland, alles voller Nazis. Und er dachte: „Ach, scheiß drauf.“

Halle-Neustadt, kurz HaNeu, war einmal eines der modernsten Wohngebiete der DDR. Eine sozialistische Musterstadt. Was in HaNeu entstand, galt als die Avantgarde des Bauens: Wohnungen mit Zentralheizung, Warmwasser und eigenem Bad. 40.000 Wohnungen für 90.000 Leute. Eine Großstadt, vor allem für die Ar­bei­te­r:in­nen der nahegelegenen Chemiewerke Buna und Leuna. Acht Wohnkomplexe entstanden in HaNeu, jeder mit Kindergarten, Schule, Ärzt:innen, Konsum, viel Grün. HaNeu war ein Versprechen auf eine große sozialistische Zukunft. Hier sollten neue Wohnformen erprobt werden, es entstanden die ersten Maisonettewohnungen und die ersten Dachterrassen der DDR, hier lebten Ar­bei­te­r:in­nen und In­ge­nieu­r:in­nen Tür an Tür.

Der Kopf hinter all dem war ein Stararchitekt der DDR, Richard Paulick, der auch die Berliner Karl-Marx-Allee gestaltet hat. Mitten durch HaNeu führt die „Magistrale“, eine vierspurige Straße, knapp vier Kilometer lang und schnurgerade. Paulick soll sie so erdacht haben, damit immer ein leichter Wind durch Neustadt weht. Klimaanpassung würde man heute sagen, in Neustadt ist es immer ein paar Grad kühler als in der Innenstadt.

Heute eilt dem Viertel der Ruf eines Ghettos voraus. Im Süden der Neustadt vergammeln Wohnblocks, weil die Investoren, die sie gekauft haben, insolvent gegangen sind. Boulevardmedien schreiben vom „Slum“.

Schaut man bloß auf Statistiken, bestätigen sie den Ruf. Nirgendwo in Halle sind so viele Menschen arbeitslos wie hier. Nirgendwo leben so viele Kinder in Armut. Fast jedes zweite Kind lebt in einer Familie, die Grundsicherung bezieht. Das sind viermal so viele wie im Bundesschnitt.

Und noch eine Statistik führt HaNeu an: Der Ausländeranteil ist so hoch wie nirgendwo sonst in Halle. Rund 30 Prozent der Menschen haben keinen deutschen Pass, die meisten von ihnen sind in den vergangenen zehn Jahren als Geflüchtete gekommen, aus Syrien, der Ukraine und Südosteuropa. Die Stadt hat sie in Unterkünften oder direkt in Wohnungen in HaNeu untergebracht.

Mit den Be­woh­ne­r:in­nen hat sich auch das Stadtbild verändert. Neben dem deutschen Supermarkt hat ein arabischer eröffnet. Die Lokalzeitung zitiert alteingesessene Neustädter:innen, die hier gern einkaufen. Im Einkaufszentrum hat das türkische Schnellrestaurant expandiert und ist zu jeder Tageszeit voll. Wo früher die Post war, entsteht gerade ein islamisches Kulturzentrum.

Mit der Islamisierung des Abendlandes, wie sie Pegida vor 15 Jahre beschrie, hat das nichts zu tun. Vielmehr zeigt sich in Halle-Neustadt, was viele nicht wahrhaben wollen: dass Ostdeutschland längst eine Migrationsgesellschaft ist. Wenn die AfD „Abschieben ab Minute 1“ plakatiert, dann dürfte vielen Neu­städ­te­r:in­nen klar sein, dass das ein leeres Versprechen ist.

Und trotzdem, oder gerade deswegen, fährt die AfD hier Spitzenwerte ein. Rund 40 Prozent haben in HaNeu bei der Bundestagswahl die Partei gewählt – 40 Prozent von denen, die hier wahlberechtigt sind. Denn rund ein Drittel der Menschen, die in HaNeu leben, hat keine deutsche Staatsbürgerschaft. In HaNeu entscheidet also eine schrumpfende alte Mehrheit über die Zukunft von Leuten wie Andre Prayoga, junge Leute, die sich hier ein Leben aufbauen wollen.

1989 lebte fast jeder zweite Ostdeutsche im Plattenbau. Wenn in diesen Tagen wieder nach Gründen gesucht wird, warum der Osten so tickt, wie er tickt, lohnt es sich, zu schauen, wie sich diese Viertel verändert haben: von der sozialistischen Verheißung, über Leerstand und Abriss nach der Wende, bis zu einer Migrationsgesellschaft, die auch die Platte verändert.

Knapp vier Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bildet sich eine lange Schlange vor dem Neustadtcenter, dem Einkaufszentrum in Halle-Neustadt. Die AfD hat einen Infostand aufgebaut, ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wird erwartet. Ein rechtes Streamerteam ist dabei und filmt live für Youtube. Das Video zeigt die Siegmund-Fans, es sind vor allem Männer. Junge Männer mit breitem Kreuz, Glatze und Sonnenbrille, alte Männer im Karohemd. Die Streamerin spricht gerade mit dem AfD-Direktkandidaten für die Neustadt, Alexander Raue, darüber, was Halle brauche (weniger Kriminalität, weniger Migration, mehr Abschiebungen), da brandet Jubel auf.

Die Kamera schwenkt um, Ulrich Siegmund kommt. Jeans, Sneakers, weißes Hemd, Strahlen im Gesicht. „Guten Morgen, seid ihr alle gut drauf? Halle wird blau, meine Freunde“, ruft er in die Menge. „Halle ist nicht ganz so einfach wie andere Städte, das muss ich zugeben. Aber wir holen uns Halle zurück.“ Die Menge jubelt. Es sind jetzt etwa 100 Leute versammelt.

Die Chemieindustrie, für deren Ar­bei­te­r:in­nen HaNeu gebaut wurde, war zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt. Nach der Wende übernahm die Treuhand die Leuna- und Bunawerke und drängte auf Personalabbau. Mehrere zehntausend Ar­bei­te­r:in­nen verloren ihre Jobs, zeitweise war je­de:r Vierte in Neustadt arbeitslos. In den folgenden Jahren verließen über zehntausend Menschen HaNeu. Viele zogen in die alten Bundesländer. „Da hilft nur noch Dynamit“, schrieb der Spiegel 2000.

Plötzlich standen Häuserblocks leer, wurden abgerissen, Be­woh­ne­r:in­nen umgesiedelt. Abriss Ost. Aus HaNeu, der sozialistischen Vorzeigestadt, wurde ein Ort der Trostlosigkeit.

Lothar Müller kann sich gut daran erinnern. Er lebt seit 1967 in Halle-Neustadt. An einem Sommertag im August sitzt er auf einer Bank im Neustadt-Center und isst ein Stracciatella-Eis. Als junger Mann ist er hergezogen, erst in eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Wohnblock 2, bis er 1976 eine größere bekam, für sich, seine Frau und seinen Sohn. In der Wohnung lebt er bis heute: drei Zimmer, Balkon, dritte Etage in einem Fünfgeschosser, „super saniert“, 480 Euro Miete.

Müller hat zu DDR-Zeiten als Elektroingenieur im Chemiewerk gearbeitet, die Wohnungen bekam er über den Betrieb. „Etwas Besseres als HaNeu hätten wir uns nicht vorstellen können“, sagt er. Er habe nie ans Wegziehen gedacht, auch nicht, als er nach der Wende einen gut bezahlten Job in Berlin bekam und dorthin pendelte.

Wetten, die Demokratie gewinnt? Nach den Wahlen in Sachsen-­Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz be­rich­tet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26

Eigentlich, sagt Lothar Müller, könne er nicht klagen. Er wird demnächst 84, ist noch gut zu Fuß und fit im Kopf. Fragt man ihn, wie sich HaNeu verändert hat, schießt es trotzdem aus ihm raus: „Nur zum Schlechten.“ Der Müll, die Kriminalität, die illegalen Autorennen auf der Magistrale. Die Stadtverwaltung kümmere sich nicht in HaNeu, die Polizei sei nie da, wenn man sie brauche. Lothar Müller lacht und erzählt viel. Die Migranten, die er persönlich kennt, lobt er. Sein russischer Nachbar sei der Einzige in Halle, der Computer reparieren könne. Der eritreische Lehrling in seiner Autowerkstatt: „Der macht seinen Job ganz ordentlich.“ Seine ukrainischen Nachbarn: „Sprechen hervorragend Deutsch, arbeiten viel.“

Und trotzdem findet Müller: Die Migranten müssten weg. Es seien zu viele.

Zur Landtagswahl will Müller nicht hingehen, er glaubt, die Wahl werde nicht fair ablaufen. „Die AfD wird sowieso nicht gewinnen“, sagt er. Wäre es denn gut, wenn die AfD gewinnt? Nicht unbedingt, sagt Müller. „Die kriegen es doch auch nicht hin, die ganzen Ausländer rauszuschmeißen.“

Was hält er von Ulrich Siegmund? Lothar Müller guckt ehrlich irritiert. „Wen? Da müssen Sie mich jetzt aufklären“. Ach so, ja, der. Er könne nicht erkennen, dass bei der AfD Nazis seien. „Das sind ganz normale Leute, gestandene Industrielle zum Teil.“

Wie in vielen anderen Plattenbaugebieten in Ostdeutschland war die Linke in Neustadt lange die mit Abstand stärkste Partei, zeitweise holte sie über 35 Prozent. 2016 verlor sie das Direktmandat an die AfD, 2021 ging es an die CDU. Bei den letzten Landtagswahlen, 2021, wählten nur noch 13 Prozent der Neu­städ­te­r:in­nen die Linke.

Spricht man an diesem Sommertag mit anderen alten weißen Menschen rund um das Einkaufscenter, hört man oft Sätze wie die von Lothar Müller. Da ist die Frau mit Rollator, 70 Jahre alt, sie kann kaum noch gehen. Sie wünscht sich die DDR zurück. Damals sei das Land sicher gewesen, Armut, Obdachlosigkeit, Drogen habe es nicht gegeben. „Vor allem hatten wir Frieden.“ Deutschland müsse sich aus dem Krieg in der Ukraine heraushalten, findet sie, sonst komme der Krieg zu uns. Sie könne jeden verstehen, der die AfD wähle. Oder eine andere alte Frau an Krücken. Gefragt, was sie zur Landtagswahl denke, wirft sie den Kopf in den Nacken und schimpft über die Rentenpolitik der Bundesregierung.

Die Leute erzählen Geschichten vom Verfall und Verlust. Sie schwärmen vom früheren HaNeu, das sicher und sauber gewesen sei, und schimpfen über HaNeu heute.

Dabei ist das neue HaNeu, gegen das sich Lothar Müller, Ulrich Siegmund und die anderen Alt­be­woh­ne­r:in­nen wehren, nicht mehr umzukehren. Menschen mit Migrationsgeschichte sind längst Teil von HaNeu geworden. Die Spielplätze sind wieder gut besucht, vor allem, weil dort Frauen mit Kopftüchern und ihren Kindern sitzen. Freitags ist die Straßenbahn aus der Innenstadt voll mit muslimischen Männern, die zum Freitagsgebet nach HaNeu fahren. Dort steht das muslimisches Kulturzentrum der Stadt, es ist längst zu klein geworden, jeden Freitag beten Dutzende, manchmal Hunderte Männer auf ihren Teppichen vor dem Gebetshaus, weil der Platz nicht reicht. Die AfD hat bis zuletzt versucht, einen Neubau zu verhindern, auch der parteilose Bürgermeister wollte die Gemeinde an den Stadtrand verdrängen.

Aber die Gemeinde hat den Bauantrag durchgeboxt, Spenden gesammelt und finanziert den Neubau komplett selbst. Gerade heben Bagger die Grube aus, 2027 soll das Gemeindezentrum eröffnet werden. Wer so kämpft für neue Gebetsräume im Viertel, der ist gekommen, um zu bleiben.

So­zi­al­wis­sen­schaft­le­r:in­nen glauben, dass die ostdeutschen Plattenbaugebiete heute zu neuen Ankunftszentren für Mi­gran­t:in­nen werden könnten, so wie es Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh in den 1960er und 70er Jahren waren

Von den 900.000 Kriegsflüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen, landeten zunächst 3.000 in Halle, die meisten in der Neustadt. Seitdem steigt der Ausländeranteil. Im westlichen Teil der Neustadt hat er sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht.

Das ist viel in kurzer Zeit, und nicht überall kommt HaNeu so mit, wie es nötig wäre. Es gibt Grundschulklassen, in denen 80 Prozent der Kinder kaum Deutsch sprechen. Den Jugendklubs fehlt Personal, Schulen fühlen sich allein gelassen. HaNeu gilt als Hotspot der Jugendkriminalität, Be­woh­ne­r:in­nen klagen über Müll auf den Straßen.

Zuletzt sorgte das Heidebad bundesweit für Schlagzeilen, weil dessen Pächter nur noch Badegäste reinlassen wollte, die die deutschen Baderegeln verstehen. Zuvor war beinahe ein Kind ertrunken, dessen Eltern sich nicht an die Baderegeln gehalten haben sollen. Nach Kritik ruderte der Pächter zurück, es soll jetzt mehrsprachige Schilder in dem Bad geben. Und auch die Stadtverwaltung reagierte. Gerade hat der Stadtrat ein neues Sprach- und Bildungskonzept für die Kitas in der südlichen Neustadt vorgelegt.

So­zi­al­wis­sen­schaft­le­r:in­nen glauben, dass die ostdeutschen Plattenbaugebiete heute zu neuen Ankunftszentren für Mi­gran­t:in­nen werden könnten, so wie es Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh in den 1960er und 70er Jahren für Ar­beits­mi­gran­t:in­nen aus der Türkei waren. Damit ist Halle-Neustadt wieder das, was es schon bei seiner Gründung war: Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung – hin zu einem diversen Ostdeutschland.

Daniel Kubiak ist Sozialwissenschaftler am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt Uni. Er hat sich viel mit Halle-Neustadt beschäftigt, hat Statistiken ausgewertet, Stadtfeste und lokale Initiativen untersucht.

Kubiak spricht von „Empathiemauern“, wenn er über die Wahlentscheidungen der alten Bevölkerung spricht. „Wir haben immer wieder festgestellt, dass sich alteingesessene Neustädterinnen zum Teil sehr für migrantische Kids engagieren und da gute Erfahrung machen“, sagt Kubiak. „Und trotzdem entscheiden sich diese Menschen oder ihre Angehörigen an der Wahlurne eiskalt für eine Partei, die diese Kids abschieben oder zumindest in Schulen separieren will.“ Woher das kommt? Kubiak sagt, dass viele der Leute, die schon immer in der Neustadt gelebt haben, die heute alt, einsam und oft krank sind, noch immer hoffen, dass sich ihr Leben verbessert. „Jetzt kommen aber diese jungen migrantischen Leute und bauen da richtig was auf.“

Und es sind nicht nur die Neuzugezogenen, die die Neustadt verändern. Es sind auch die Wohnungsbaugesellschaften, die Stadt, die Sozialverbände, es sind junge und alte Bewohner:innen, Sozialarbeiter:innen. Ein Künstlerkollektiv malt neue Wandgemälde an die Plattenbauten, eben jene, die Andre Proyoga so mag. Das Quartiersmanagement gibt mit einem ehrenamtlichen Redaktionsteam eine Stadtteilzeitung heraus, die Haneuigkeiten. Seit Kurzem gehört dazu auch eine schicke Webseite, unser-haneu.de. Darauf findet man täglich Veranstaltungen in der Neustadt, oft sind es mehr als 30 am Tag: Skatrunden, Nähcafé, Tangoabende, Mario-Kart-Workshops für Jugendliche, Fitnesskurse für Frauen, Deutschkurse, Computerkurse, Volksliedersingen, Hausaufgabenhilfe, Nachbarschaftsfrühstück, offener Kinder- und Jugendtreff. Die Neustadt ist längst nicht mehr so vernachlässigt, wie sie es nach 1990 einmal war.

Nicht alle Leute, die daran mitarbeiten, wollen ihren Namen oder ihre Zitate in der Zeitung lesen. Eine Sozialarbeiterin will keine schlechte Stimmung verbreiten, drei Mädchen, die aus Indien stammen und seit zwölf Jahren in der Neustadt leben, wollen lieber anonym bleiben. Ein Mitglied des islamischen Kulturvereins will sich vor der Wahl nicht öffentlich äußern, weil es negative Konsequenzen fürchtet, sollte die AfD an die Macht kommen. Auch das ist also HaNeu im Jahr 2026: Die, die hier an der Zukunft bauen, fürchten, dass die Gestrigen ihnen diese Zukunft kaputtmachen.

Ein paar Tage bevor Andre Prayoga in seiner Küche von seinem Leben in HaNeu erzählt, betritt er einen großen Werkstattraum im Untergeschoss eines Neustädter Plattenbaus. Er ist in die Passage 13 gekommen, ein selbstverwaltetes Stadtteilzentrum. Seit 2019 gibt es die Passage. Sie ist Jugendklub, Kulturzentrum, Radiostudio, Werkstatt, Bibliothek und Café zugleich. Zwölf Mit­ar­bei­te­r:in­nen arbeiten hier. Heute steht eine politische Diskussionsrunde an: „Wie geht es dir mit dem deutschen Nationalstolz?“ Die Frage ist bewusst zugespitzt, damit die Neu­städ­te­r:in­nen ins Gespräch kommen.

Andre Prayoga ist zum ersten Mal da, er interessiert sich dafür, was in seinem Kiez passiert. Es gibt Kaffee gegen Spende, auf einem Tresen steht geschnittener Kuchen, in einer Box gibt es kostenloses Brot zum Mitnehmen, das die benachbarte Bäckerei nicht verkauft hat. Gut ein Dutzend Be­su­che­r:in­nen kommen in die Runde. Die meisten von ihnen sind unter 30, aber es sind auch ein paar ältere dabei. Fast alle sind erst in den vergangenen Jahren nach Neustadt gezogen. Zwei Stunden werden sie über deutschen Nationalstolz diskutieren. Der Inhalt der Gespräche soll vertraulich bleiben.

Nur so viel: Andre Prayoga, der linke Heavy Metal Fan, ist der Einzige in der Runde, der Nationalstolz etwas abgewinnen kann. „Ohne Nationalstolz hätten wir uns in Indonesien nie aus der Kolonie befreien können“, sagt er. Er versteht, dass viele Deutsche mit Nationalstolz aus guten Gründen nichts anfangen können.

Es muss ja auch nicht unbedingt Stolz sein, sagt Andre Prayoga nach der Veranstaltung. Es reiche doch, den Ort, an dem man lebt, für das zu feiern, was er heute ist. Wenn Alt­neu­städ­te­r:in­nen von früher schwärmen, dann kommen Andre Prayoga Zweifel. „Welches Neustadt meinen die? Ich bin mir sicher, Neustadt ist heute geiler, wirklich.“

Andre Prayoga jedenfalls sagt, er sei glücklich im Osten.

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