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Pilzfluencer über Pilzvielfalt„Die Fahne für die Funga hochhalten“

Tiere und Pflanzen sind fest im gesetzlichen Naturschutz verankert. Linus Koch findet, das sollte auch für Pilze gelten.

Nicht Tier, nicht Pflanze – aber lecker: der Steinpilz Foto: Patrick Pleul/dpa

Interview von

Johannes Strauch

taz: Herr Koch, Pilze kenne ich vor allem aus dem Supermarkt. Bisher hat sich daraus noch keine Pilzbegeisterung entwickelt. Was fasziniert Sie an Pilzen?

Linus Koch: Pilze bilden eine riesige Organismengruppe, man findet sie in nahezu allen Lebensräumen, an jeder Ecke und in allen Formen und Farben – man muss nur genau hinsehen. Sie sind aber auch ein bisschen mysteriös. Bei vielen Arten wissen wir noch nicht mal, wie sie überhaupt leben.

taz: Wo fühlt sich der Pilz denn überall wohl?

Koch: Überall da, wo er Bedingungen zum Leben findet. Das kann vielfältig sein. Manche mögen es ein bisschen kühler, andere deutlich wärmer. Pilze sind – genauso wie der Mensch – Konsumenten und auf Stoffwechselprodukte anderer Organismen angewiesen. Die findet er zum Beispiel im Holz. Das kann an einem Baum sein, aber auch an einem Schuppen oder der Fußleiste.

Pilze wurden in der Forschung lange stiefmütterlich behandelt, galten als niedere Pflanzen, obwohl sie sich klar von diesen abgrenzen

taz: Vermutlich ein Grund, warum sich andere Menschen vor Pilzen ekeln. Woher kommt diese Abneigung?

Koch: Ich denke, das ist die Angst vor dem Unbekannten. Es gibt auch giftige Pilze. Andere wirken nicht so einladend, sind zum Beispiel schleimig. Bei manchen entsteht dadurch eine Faszination, bei anderen eher eine Abneigung. Pilze wurden in der Forschung auch lange stiefmütterlich behandelt, galten als niedere Pflanzen, obwohl sie sich klar von diesen abgrenzen – sie betreiben ja beispielsweise keine Photosynthese.

Bild: privat
Im Interview: Linus Koch

37, ist Feldmykologe und Pilzsachverständiger aus Hamburg. Er beschäftigt sich mit Lebensräumen und ihrer Pilzvielfalt, gibt Pilzkurse und Lehrwanderungen. Seine Leidenschaft für Pilze ist über die Naturfotografie entstanden. Seine Bilder veröffentlicht er auf Instagram.

taz: Ist Hamburg ein gutes Pflaster für Pilze?

Koch: Das kann man schon sagen. Im Gegensatz zu anderen Metropolen ist Hamburg recht grün, hat relativ viele Bäume. Und überall da, wo Vegetation ist, sind auch Pilze. Das können dann Parks sein, alte Friedhöfe oder direkt vor der Haustür – vor meiner zum Beispiel stehen Fliegenpilze oder auch die Geweihförmige Holzkeule.

taz: Warum sind Moore für Pilze wichtig?

Koch: Moore sind spezielle Lebensräume. Sie sind extrem nass. Für viele Arten ist das eher lebensfeindlich – ob für Tiere, Pflanzen oder Pilze. Gerade deshalb findet man dort hochspezialisierte Arten. Zum Beispiel fleischfressende Pflanzen, wie den Sonnentau. Oder auch Torfmoose – und daran angepasst den Torfmoossaftling. Das ist ein kleiner roter Pilz, der teils richtig tief drin in den nassen Torfmoosen stehen kann.

taz: Und der kommt in Hamburg gut zurecht? Auch in Zukunft?

Koch: Ökosysteme leben ja von Interaktion – geht es dem Habitat gut, hilft das auch dem Pilz. Aber klar, Klimaerwärmung und längere Trockenperioden schaden den Mooren, genauso wie ein zu hoher Nährstoffeintrag durch Landwirtschaft, Autoverkehr oder andere Faktoren. Darauf reagieren Pilze sehr fragil. Deswegen sind sie auch wichtige Indikatoren von Ökosystemem – aber leider nicht im planungsrelevanten Naturschutz verankert.

Vortrag

im Rahmen der Hamburger Moorschutztage über die Pilzvielfalt in Mooren und Feuchtgebieten. So, 1. Februar, 17 Uhr, Landesgeschäftsstelle Nabu Hamburg, Klaus-Groth-Str. 21, 20535 Hamburg

taz: Pilze sind noch nicht Teil des Naturschutzes?

Koch: Nicht wirklich des gesetzlichen, nein. Pflanzen und Tiere sind im Naturschutz gesetzlich planungsrelevant, das heißt, sie werden bei Bauvorhaben rechtlich geschützt. Für Pilze gibt es zwar teilweise Rote Listen – diese definieren allerdings nur die Vorkommen und haben keinen Einfluss auf den Schutzstatus von Lebensräumen. In Deutschland gibt es auch nur ein einziges Naturschutzgebiet, das aufgrund fungaler Diversität ausgewiesen wurde.

taz: Es gibt aber Bestrebungen, das zu ändern?

Koch: Ja, die Deutsche Gesellschaft für Mykologie versucht da zum Beispiel etwas auf den Weg zu bringen. Aber auch andere feldmykologisch Tätige probieren, über Vorträge, Öffentlichkeits- oder Forschungsarbeit die Wertigkeit der Pilzvielfalt klarzustellen – und diese dann bestenfalls in Gesetze einzubringen. Hier vor Ort versuchen wir mit der Umweltbehörde oder Naturschutzverbänden im Diskurs zu sein und die Fahne für die Funga – als Äquivalent zur Flora und Fauna – hochzuhalten.

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