Peter Weissenburger Der Wochenendkrimi: Wenn das toxische Würstchen wahnsinnig sympathisch ist
Derzeit läuft im Kino „The Drama“, ein satirischer Film, der uns in eine Täter*innenperspektive zwingt. Wir sollen ausgerechnet mitfühlen mit jemandem, der – beinahe – etwas extrem Grausames getan hat. Das schmeckt nicht allen. „The Drama“ hat vereinzelt scharfe Kritik erhalten. Ich persönlich fand den Film großartig, aber ich bin ein hoffnungsloser Fall.
Als Krimifan bin ich natürlich jederzeit auf der Suche nach dem Täter in mir selbst. Schlimmer noch: Im sicheren Rahmen der Fiktion genieße ich das empathische Identifizieren mit dem Bösen.
Aber ich verstehe die Qualen derer, die das nicht wollen. Deswegen spreche ich die folgende Empfehlung unter Vorbehalt aus.
Ich mach’s kurz: Paul ist ein junger Mann in dem fiktiven Dörfchen Dornbach, und er hat sich nicht im Griff. Er neigt dazu, sich zu prügeln, brüllt seine Freundin besoffen an und nennt sie „Hure“, ist insgesamt ein sich selbst bemitleidendes toxisches Würstchen. Er ist alles, was wir in Sachen Männlichkeit am liebsten bis gestern hinter uns lassen würden.
Paul ist außerdem wahnsinnig sympathisch. Und höchstwahrscheinlich hat er jemand umgebracht.
Der Film heißt „Wer ohne Schuld ist“. Die SWR-Produktion von 2024 ist soeben noch mal in die ARD-Mediathek gekommen. Geführt von Regisseurin Sabrina Sarabi begleiten wir Paul in den Tagen, nachdem er – höchstwahrscheinlich – seinen Nebenbuhler im Streit erschlagen hat. Es war die Nacht der „Hockete“, des jährlichen Sauffests in Dornbach. Paul hat Filmriss, aber der Blutfleck auf seinem Shirt verheißt nichts Gutes. Und es wird schnell deutlich, dass Paul sich selbst die Tat grundsätzlich zutraut. Auch seine Clique aus Saufkumpan*innen findet die Vorstellung, dass er es gewesen sein könnte, so abwegig nicht.
Ab da folgen wir Paul bei dem Versuch, jeglichen Konsequenzen seines Handelns aus dem Weg zu gehen. Er wird dabei hinreißend verschusselt gespielt von Aaron Hilmer. Alles im Film – Buch, Kamera, Regie – will, dass wir ihn als Kumpel sehen.
Pauls Gegenspielerin ist die ermittelnde Kommissarin Anita (Lou Strenger), die hier im Dorf aufgewachsen ist, und die mit Dornbach anscheinend noch eine offene Rechnung hat. Sie ist getrieben von dem Ziel, jemanden zur Verantwortung zu ziehen. Im Griff hat sie sich dabei aber auch nicht immer.
Paul und seine Freunde sind die meiste Zeit besoffen. Mit torkelnder Kamera sind wir dabei, wie sie austrinken, was sie finden können, dann beim Dorfautomaten mehr Wein holen, und in Gartenlauben nach Obstler wühlen. Sie sind gar nicht in der Lage, nüchtern zu sein. Denn Nüchternsein ist voll von quälenden Gedanken über die Dinge, die man besoffen getan hat. Also saufen sie weiter. Und am Ende sind sie alle randvoll – mit Schuldgefühlen.
„Wer ohne Schuld ist“: Den biblischen Titel könnte man missverstehen als ein nihilistisches Schulterzucken. Ist der Film aber nicht. Es ist das kritische Porträt einer Gemeinschaft, in der es üblich ist, sich so gut es geht aus jeder Verantwortung zu winden. Er hilft nachzuempfinden, wie sich das anfühlt: ein derart unzurechnungsfähiges Leben.
Am Ende, so sieht es der Film, muss jemand, ganz egal wer, mit der Tradition brechen. Muss sich schonungslos zu dem bekennen, was er*sie verbockt hat. Dann kehrt Ruhe ein. Das ist, ganz krimitypisch, eine hochmoralische Botschaft. Ob das Ideal realistisch ist, ist wieder eine andere Frage.
„Wer ohne Schuld ist“, in der ARD-Mediathek
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