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Patienten müssen renitenter werden

Psychoonkologen fordern eine neue Krebsmedizin: Schluß mit dem Alltagsstreß  ■ Von Roberto Hohrein

„Wir müssen die Patienten dazu bringen, daß sie sich verhalten wie ihre eigene Krankheit. Sie müssen lernen, sich selbst durchzusetzen, sich auszubreiten und ihren eigenen Weg zu gehen.“ Für diesen Satz erhielt der Münchener Arzt und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke Applaus und Bravorufe auf dem siebten Kongreß für biologische Krebsabwehr in Heidelberg.

Von den Psychoonkologen, den Wissenschaftlern, die den Zusammenhang zwischen Psyche, Krebsentstehung und Krebsheilung erforschen, ist Dahlke einer der ketzerischsten. Er wirft der Medizin vor, nicht im Sinn der Newtonschen Wissenschaft das Unbekannte zu erforschen, sondern lediglich an Lehrmeinungen festzuhalten.

Anders als die Medizin vertritt die Psychoonkologie keinen analytischen Ansatz, der, so Dahlke, „die Dinge auseinandernimmt“, sondern eine „symbolische Denkweise im ursprünglichen Sinn des Wortes ,symballa‘, gleich: zusammenwerfen“. Durch vergleichende Forschungen und Beobachtungen, aber auch durch zunächst unkonventionell erscheinende Methoden bringt die Psychoonkologie neue Impulse und Aspekte in die Diskussion um die Volkskrankheit Krebs.

Wichtigster Ansatzpunkt der psychologischen Krebsbekämpfung ist die Weckung des Lebenswillens und der Handlungsbereitschaft des Patienten. Auffallend viele Krebspatienten seien entmutigt, demotiviert und ließen Behandlungen nahezu unbeteiligt nur über sich ergehen. Diese Patienten hätten nach US-amerikanischen Studien genauso schlechte Überlebenschancen wie die Krebspatienten, die die Krankheit auf die leichte Schulter nehmen und überhaupt nichts dagegen tun. „Angepaßte Patienten, die brav alle Behandlungen über sich ergehen lassen, haben nur wenig Heilungschancen. Die besten Heilungschancen hat der renitente Patient.“ Dahlke zitiert zum Beweis Simonton Achterberg und andere US- Forscher, die in wissenschaftlichen Langzeitstudien festgestellt haben, daß Krebspatienten, die aktiv an ihrer Genesung mitwirken, mehr als doppelt so große Heilungs- und Überlebenschancen haben.

Lange vor der medizinisch-körperlichen Krebsdiagnose kommt es zu tiefgreifenden psychologischen Verletzungen, die ursächlich am Entstehen der Krankheit beteiligt sein könnten. Zu diesen traumatischen Fakten addieren sich nach Dahlke noch die Persönlichkeitsprobleme, die durch die Lebensweise in der modernen Industriegesellschaft bedingt sind. „Viele Krebspatienten berichten, daß sie an einer jahrelangen inneren Leere, einer regelrechten Sinnlosigkeit gelitten haben.“ Hinzu kommt nach Auffassung vieler Psychoimmunologen die ständige Überanpassung, die in unserer Gesellschaft tagein, tagaus von den Menschen gefordert und praktiziert wird. Der Krebsforscher Rolf Bündig hat dafür den Begriff der „Normopathie“ geprägt: die krankhafte Anpassung des Individuums an die gesellschaftliche Norm.

Dahlke und andere Psychoimmunologen fordern Behandlungsmethoden, die den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht nur seine körperliche Krankheit. „Wir müssen den Patienten anregen, seine Zurückhaltung und Anpassung aufzugeben und zu seinem persönlichen Selbstausdruck, seiner Selbstverantwortung zu finden. Patienten, die aktiv mitarbeiten, haben die besten Heilungschancen.“

In diesem Zusammenhang gesehen, wird es verständlich, warum Psychoimmunologen bei der Krebsbehandlung Schwerpunkte auf die Persönlichkeitsentfaltung setzen. Kreative Gestaltungsmöglichkeiten wie Mal- und Musiktherapie, gestaltpsychologische Elemente bis hin zum Selbstdarstellungstheater erschließen den Zugang ins seelische Geschehen im Menschen. Offenbar reagiert der Körper parallel zur psychologischen Entwicklung. Unter Streß verringern sich die Neurotransmitter, Zellrezeptoren, die den Killerzellen genannten T-Zellen des Immunsystems das Andocken und somit den Kampf gegen die Krebszellen ermöglichen. Umgekehrt können psychologisch orientierte Therapieformen eine das gesamte Immunsystem aufbauende Wirkung haben. Auf welche Weise die Streßfreiheit zustande kommt, die das physische Immunsystem stärkt, ob durch Selbstsuggestion, Tiefenentspannungstraining oder die berühmte, oft als Beispiel zitierte Weltumsegelung, erscheint sekundär.

Wie sehr die Angebote der Psychoonkologen eine Bedarfslücke füllen, die die Medizin seit Jahren offen läßt, zeigen die ellenlangen Wartelisten für ihre psychologisch orientierten Heilseminare. Wartezeiten von vier Monaten und mehr sind durchaus an der Tagesordnung. Für Patienten mit geringen Lebenserwartungsprognosen ist die natürlich nicht sehr motivierend.

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