■ Ökolumne: Osso Buco mit Thymian Von Manfred Kriener
Wenn die Sprachforscher die Worte des Jahres 1994 suchen, dann hat ein Begriff beste Chancen auf den Spitzenplatz: „Rinderwahnsinn“. Klingt phantastisch. Schweinepest hört sich auch nicht schlecht an, aber Rinderwahnsinn ist entschieden wuchtiger, dramatischer. Auch die dazugehörigen Fernsehbilder sind immer wieder eindrucksvoll. Planierraupen schieben tote Rinderleiber zusammen wie den Schotter auf der Baustelle. Die Beine dem Betrachter dynamisch entgegengestreckt, schaukeln die verendeten Tiere in den Greifarmen der Maschinen. Dann werden sie auf den großen Rinderhaufen abgekippt und angesteckt.
Eine halbe Stunde später sitzen wir beim Italiener und bestellen Osso Buco in Thymiansauce und ein Glas guten Chianti. Wir sind da ziemlich robust. Wenn jedes Abendprogramm die Apokalypse in reicher Auswahl bietet, kann uns auch der Rinderwahnsinn nicht mehr schrecken. Er klingt aber phantastisch. Um fünf bis zehn Prozent ist der Verkauf von Rindfleisch zurückgegangen. Zeitweise. Inzwischen krümmt sich die Verkaufskurve wieder in Richtung Normalität.
Natürlich sind wir alle mißtrauisch. Fragen Sie mal nach, wer überzeugt ist, daß hierzulande angebotenes Rindfleisch „sicher“ ist. Neun von zehn schütteln den Kopf. Um sich dann an der Fleischtheke anzustellen. Man spielt mit dem Begriff, man empört sich routiniert, man gruselt sich wohlgefällig, aber richtig ernst nimmt ihn niemand, den Rinderwahnsinn. Das blutige Steak, das am besten noch über den Tellerrand lappt, Symbol des Machismo, ist und bleibt hochbeliebt.
Am Mittagstisch kann uns sowieso kaum etwas den Appetit verderben: In Niedersachsen sind in der Hitzewelle 200.000 in schlecht belüfteten Ställen zusammengepferchte Hähnchen krepiert. Ihre Überreste wurden zu Tierfutter verarbeitet. Im selben Bundesland wurden 740.000 überschwere Schweine, die wegen des Handelsverbots nicht rechtzeitig verkauft werden konnten, in Tiermehl verwandelt. Tote Schweine werden an Schweine verfüttert, Tiere gezwungen, ihre eigene Art zu fressen. Der amerikanische Wissenschaftskritiker Jeremy Rifkin berichtet, daß auch Zeitungspapier, Pappe, Sägemehl oder Zementstaub versuchsweise dem Tierfutter zugesetzt wird. Selbst Hühner- und Schweinekot wird von Rinder-Mästereien aufgekauft und unter das Futter gemischt.
Warum diese Details hier so appetitlich ausgebreitet werden? Die Skandale in der Massentierhaltung zeigen, daß ein Gefühl für die Integrität des Tieres oder auch nur ein wenig Mitleid mit der Kreatur abhanden gekommen sind. Rifkin nennt das die „neue Kälte“ des Verbrauchers. Dieser Verbraucher schafft nicht einmal den kleinen Weg zum Bio-Metzger, zum „Neuland“-Hof oder zum Gemüse-Gratin. Seine Distanz zu Ställen, Schlachthöfen und Abdeckereien blendet die Barbarei aus. Das Schlachten eines Tieres war früher den Priestern vorbehalten, die einen Teil des Fleisches der Gottheit opferten und damit um Vergebung für das Töten des Mitgeschöpfes baten. Heute werden an modernen Schlachthof-Fließbändern stündlich bis zu 300 Tiere vollautomatisch getötet, zersägt, zerhackt und mundgerecht verpackt. Um Vergebung bittet schon lange niemand mehr. Aber eines macht dem Verbraucher immer wieder zu schaffen: der Ekel. Er entfaltet mehr verändernde Dynamik als alle Warnungen vor Tierquälerei oder Gesundheitsrisiko. Die Vorstellung, daß Rattenkot in Leberwürste eingeknetet wird, alarmiert allemal mehr Konsumenten als die Bilder von verdursteten Tieren beim 24-Stunden-Transport zum entlegenen Schlachthof. Der Nematoden-Skandal hat sehr schön gezeigt, wie ein paar harmlose Würmchen den Fischmarkt zum Einsturz bringen. Und weil das so ist, sollen hier die sensibelsten Nervenstränge des Verbrauchers angesprochen werden. Rifkin schreibt über die US-Schlachthöfe: „Gedärme, Urin, Fäkalien bedecken die Böden ... locken Heerscharen von Ratten an ... es wimmelt vor Kakerlaken ... das verarbeitete Fleisch ist manchmal so alt, daß es einen Grünstich hat ... [manches Fleisch] stank und war mit Abszessen durchsetzt ... beim Kochen quoll der Eiter wie Schaum heraus.“ – Rinderwahnsinn. Klingt phantastisch.
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