Osman EnginAlles getürkt: Der Ein-Euro-Urlaub
Foto: Daniel Karmann/dpa
Dieses Jahr haben wir die Sommerwohnung meines Arbeitskollegen Hasan direkt an der türkischen Ägäis gemietet. Mein lieber Kumpel Hasan hat sie mir wirklich sehr günstig überlassen. Sie kostet nur einen Euro pro Tag. Fast schon geschenkt.
Nun sitze ich also in unserer Ferienwohnung in Akçay, besser gesagt: Ich hocke in dieser dämlichen Bude bei brütender Hitze allein rum, weil Eminanim und die Kinder schwimmen gegangen sind.
Aber ich muss hierbleiben, weil es in unserer Ein-Euro-Wohnung weder Fenster noch Türen gibt. Der Balkon ist auch nicht ganz sicher, weil die Brüstung fehlt.
Hasan hat diese Wohnung vor sieben Jahren von einer sogenannten Kooperative gekauft und sie sollte schlüsselfertig übergeben werden. Aber dazu kam es nicht: ohne Türen keine Schlüssel!
Kaum waren die Außenwände hochgezogen, machte sich der Bauunternehmer mit dem gesamten Geld der Kooperative und der Frau des Architekten aus dem Staub.
Die Frau des Architekten tauchte nach fünf Wochen mit verheulten Augen wieder auf, bereute alles und kehrte zu ihrem Mann zurück.
Ahmet hat jahrelang darauf gewartet, dass sein armes verschwundenes Geld irgendwann auch mit verheulten Augen zurückkehrt – aber leider vergeblich.
In der Türkei stehen Tausende solcher Skelett-Hochhäuser in der Landschaft, die aus irgendeinem Grund nicht fertiggestellt wurden. Unglaublich, aber wahr: Überall in diesen Rohbauten wird sogar gewohnt; und zwar mit Kind und Kegel.
Einige Wohnungen haben Fenster, aber keine Türen, andere haben weder Türen noch Fenster, aber dafür riesige Satellitenschüsseln.
Ahmets Wohnung hat von all dem nichts! Von der Ein-Euro-Miete pro Tag, die er im letzten Jahr kassiert hat, konnte er sich gerade Mal eine Klotür leisten.
Das Ganze hat aber auch Vorteile: Weil die Nachbarn auch keine Türen haben, können wir uns ganz entspannt unterhalten, ohne bei der Hitze mühsam vor die Tür treten zu müssen.
„Hallo Nachbar, Sie kommen sicher aus Deutschland, nicht wahr?“, ruft der Mann von gegenüber.
Osman Engin ist Satiriker in Bremen. Sein aktuelles Buch ist „Osmans Alltag - Zwischen Köfte und Korinthenkackern“. (WortArt) Er steht für Lesungen zur Verfügung.
„Jaa-aaa“, brülle ich zurück.
„Die Mieter in Ihrer Wohnung wechseln sehr oft“, brüllt er diesmal.
„Das liegt daran, dass mein Arbeitskollege Ahmet sehr großzügig ist. Er verlangt für diese tolle Pension nur einen Euro Miete pro Tag.“
Der Nachbar grinst: „Ich weiß, Ahmet nennt das Ein-Euro-Job. So was gibt es in Deutschland offenbar schon seit Jahren.“
„Was meinen Sie denn mit Ein-Euro-Job?“, frage ich verwirrt.
„Ahmet hat Angst, dass sich Obdachlose in seiner Wohnung einnisten könnten, weil es weder Fenster noch Türen gibt. Also lässt er seine Arbeitskollegen aus Deutschland einen nach dem anderen hier Wache schieben und kassiert von denen auch noch Geld dafür.“
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