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Vom Potsdamer Treffen direkt ins Parteiprogramm: Remigration Foto: Fabian Strauch/dpa

Als einziger Deutscher sitze ich im Deutsch-Türkischen-Kulturverein und nippe an meinem lauwarmen Tee. „Leute, ich fass‘ es nicht! Acht Prozent der AfD-Abgeordneten im Bundestag haben Migrationshintergrund“, lese ich aus der Zeitung vor. „Und 22 Prozent der Migranten können sich vorstellen, AfD zu wählen. Und das, obwohl die AfD Migranten millionenfach abschieben will. Sind die nicht ganz dicht?“

„Osman, sag sowas nicht. Ich bin doch auch AfD-Mitglied“, stammelt Hayri, rot wie eine Wassermelone, und sorgt dafür, dass wir uns alle an unseren Tees verschlucken. Nachdem ich meinen Hustenanfall halbwegs unter Kontrolle habe, frage ich schockiert: „Hayri, du … du bist AfD-Mitglied?“

„Ja. AfD ist doch meine letzte Rettung“, sagt er.

Kein Ton kommt über unsere Lippen, also versucht Hayri selbst das Unmögliche zu erklären, wie die AfD für jemandem die letzte Rettung sein kann. Erst recht für einen Türken. „Kollegen, ihr wisst doch alle, dass ich seit 20 Jahren vergeblich versuche, in die Türkei zurückzukehren. Ich schaffe es einfach nicht. Ich bin hier sehr verwurzelt. Die AfD ist die einzige Partei, die glaubhaft verspricht, mir dabei zu helfen.“

Hasan brodelt vor Wut: „Du willst das Land ins Chaos stürzen und dann abhauen, oder was?“, schimpft er.

„Ja, als Strafe dafür, dass Ihr seit 30 Jahren beim Kartenspielen schummelt!“

Zu Hause erzähle ich sofort meinem Sohn Mehmet die unglaubliche Geschichte. Und Mehmet reagiert, wie ein Mehmet eben reagiert: „Willkommen im Club. Ich bin auch AfD-Mitglied“, grinst er wie ein Honigkuchenpferd.

Entweder ich träume – oder das ist so ein Tag, an dem ich besser im Bett geblieben wäre. „Du bist AfD-Mitglied, du Parasit? Wünschst du dir auch, abgeschoben zu werden? Kein Problem. Ich kann dich bis Nowosibirsk, ach was, bis Wladiwostok abschieben“, schimpfe ich empört.

„Wieso abschieben? Ich werde hier gebraucht“, grinst er weiter. „Vater, die Heinis kriegen es einfach nicht hin, ein Verbotsverfahren gegen die AfD zu eröffnen, geschweige denn die AfD zu verbieten.“

„Und da hast du dir gedacht, kommunistische Parteien werden verboten, die AfD aber nicht, also hüpfst du von einem Extrem ins andere. Sehr schlau, mein Sohn.“

„Vater, du bist vielleicht begriffsstutzig! Ich will die AfD von innen zerstören“, antwortet er.

„Und die sind so blöd, dass sie jemanden wie dich einfach aufnehmen?“, staune ich.

„So einfach nicht. Ich wurde geprüft. Die fragten, ob die AfD demokratisch sei. Ich sagte: um Gottes willen! Die fragten, was aus der Ukraine wird. Ich sagte: neues Mitglied der Russischen Föderation. Was wird aus Deutschland?, fragten sie. Deutschland ist nach der Ukraine dran, und Moskau wird unsere Hauptstadt, sagte ich. Und sie waren begeistert.“

Osman Engin

ist Satiriker in Bremen. Zu hören gibt es seine Kolumnen unter https://wortart.lnk.to/Osman_Coro-na. Sein Longseller ist der Krimi „Tote essen keinen Döner“ (dtv).

„Mehmet, wie bist du bloß auf diese Schwachsinnsidee gekommen?“

„Durch die Ossis“, lacht er.

„Wie? Versuchen Millionen Ostdeutsche wirklich, die AfD von innen zu zerstören? Wow, das hätte ich denen gar nicht zugetraut“, wundere ich mich.

„Das gerade nicht. Aber die haben in der DDR die kommunistische Partei gestürzt und flüchten jetzt in eine faschistische. Ich gehe den umgekehrten Weg.“

Vater, die Heinis kriegen es einfach nicht hin, ein Verbotsverfahren gegen die AfD zu eröffnen, geschweige denn die AfD zu verbieten

„Mehmet, geh besser mit Hayri in die Türkei.“

„Nein, Vater, ich bin Mehmet, das Trojanische AfD-Pferd.“

„Mein Sohn, passender wäre für dich: Mehmet, der ewige Esel.“

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