Opposition in Iran: Alle wollen Freiheit
Die iranische Opposition ist fragmentiert. Dem Schah-Sohn Reza Pahlavi fehlt es an einer multiethnischen Perspektive. Nicht alle trauen den Monarchisten.
Das Wort Opposition ist manchmal irreführend. Die überwiegende Mehrheit, manche sagen bis zu 80 Prozent, der Iraner lehnt zwar jene Islamische Republik ab, die der getötete Oberste Führer Ali Chamenei repräsentierte. Doch es ist ein sehr mühsamer Weg, aus dieser Gegnerschaft eine ernsthafte Opposition zu gestalten.
Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten letzten Schahs, ist der häufigste Name, den man dieser Tage hört. Unter den Exiliranern genießt er die größte Unterstützung, er ist für viele die Verkörperung einer verlorenen Hoffnung, denn sein Name ist mit einer vergangenen, vermeintlich glorreicheren Ära des Iran verbunden. Früher war es besser, denken viele, und viele sehnen sich danach, dass die Vergangenheit nicht vergehen möge.
Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar sprach er bei einem Protest der iranischen Exilopposition vor rund 350.000 Menschen, die aus allen Teilen Europas angereist waren. Ähnliche Großdemonstrationen gab es für ihn an diesem Tag in mehreren Großstädten Australiens, in Kanada und in den USA.
Auch in Chameneis letzten Ansprachen, bevor ihn die US-Amerikaner bei einem der ersten Luftschläge am Wochenende töteten, war die Angst vor dem Namen Reza Pahlavi unüberhörbar. Viele Beobachter meinen, die Brutalität, mit der Chamenei am 8. und 9. Januar gegen die Proteste der Zivilbevölkerung vorgehen ließ, hatten auch mit der Angst vor Pahlavi zu tun.
„Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt heim“
Bei den Massendemonstrationen hatte die Menschenmenge unüberhörbar die Parole gerufen: „Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt heim.“
Wie diese Demonstranten, deren überwiegende Zahl die Schah-Zeit nur aus Erzählungen und von den Fernsehbildern der iranischen Exilsender kennt, wieder zurück zu einer Monarchie gelangen wollen, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht.
Die Auslandsmonarchisten bestehen, soweit man übersehen kann, aus mehreren Gruppen und Fraktionen: Grob lassen sie sich einteilen in Extremisten, Moderate und Konservative. Und jeder von ihnen sieht in Reza Pahlavi seine eigene Vision, wie die persische Monarchie von Morgen auszusehen hat. Manche von ihnen wollen eine radikale Abrechnung mit allen, die für die Katastrophe der Revolution von 1979 verantwortlich sind.
Es gibt auch sehr rationale Monarchisten, die vieles, was unter der Herrschaft des Schahs geschah, kritisieren. Sie sehen sich als Reformisten und fordern die Zusammenarbeit mit weiteren reformistischen Kräften, die ehemals die Revolutionäre von 1979 waren.
Viele Anhänger der Monarchie, vielleicht die Mehrheit von ihnen, will nicht ganz zurück zur Schah-Zeit. Sie hoffen, wieder in einer respektvollen Atmosphäre, in einem international akzeptierten Land leben zu können. Es gäbe auch orientalische Monarchien wie die marokkanische oder jordanische, sagen sie, die zivilisiert mit ihrer Bevölkerung umgehen würden, jedenfalls besser als manche „Erbrepubliken“.
Misstrauen unter den Kurden
Doch jenseits der Diskussion über Menschenrechte in der Vergangenheit und Gegenwart müssen die Monarchisten, muss Reza Pahlavi, halbwegs kompatible Perspektiven für dieses multiethnische Land anbieten. Das fehlt, und das sorgt für Misstrauen nicht nur unter den Kurden, sondern auch bei anderen Ethnien wie Arabern, Aseris und Belutschen.
Den Monarchisten steht eine bunte Front der „Republikaner“ gegenüber, die die Monarchie für eine längst und in jeder Hinsicht vergangene Geschichte halten. Aber dennoch halten sie nicht nur den Dialog, sondern auch eine Zusammenarbeit mit Pahlavi-Anhängern für unabdingbar. Vor zwei Wochen trafen sich Vertreter von 20 Oppositionsgruppen hinter verschlossenen Türen in London, um über Wege hin zu einem demokratischen System zu beraten.
Das Treffen, das am 23. und 24. Februar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, betonte laut den Organisatoren gemeinsame Prinzipien wie „pluralistische Demokratie, Menschenrechte, Trennung von Religion und Staat und die Durchführung eines freien Referendums zur Bestimmung des künftigen Systems“.
Erklärung von der „Iranischen Rettungsfront“
Und vor drei Tagen erschien eine Erklärung von 416 politischen Aktivisten unter dem Titel „Iranische Rettungsfront“. Die Unterzeichner sind veritable, anerkannte Persönlichkeiten, mit beeindruckenden Biografien des politischen Engagements. Einige von ihnen wie die Frauenrechte-Aktivistin Narges Mohammadi oder der Reform-Politiker Mostapha Tajzadeh hatten sich sogar aus dem Gefängnis gemeldet.
Viele der Unterzeichner haben jahrelang in dem Glauben gekämpft, Chameneis Republik sei reformierbar: ein Referendum, freie Wahlen, Trennung von Staat und Religion, Meinungs- und Pressefreiheit, das war, was alle Oppositionskräfte wollten. Selbst die Volksmujaheddin, die nach innen als eine sehr geschlossene Sekte organisiert sind, nach außen aber eine sehr wirksame Lobbyarbeit betreiben.
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