Olympische Winterspiele in Sotschi: Die Angst aus den Bergen

Der Geheimdienst ist in Alarmbereitschaft, Straßen sind gesperrt, ein Dorf steht im Weg und die Einheimischen stören: Russland baut Sotschi zur Hochsicherheitszone aus.

Die Infrastruktur von Sotschi muss nahezu völlig neu errichtet werden. Bild: dpa

SOTSCHI taz | Geschickt lavieren die Wagen über die Schlaglochpiste. Die Fahrer kennen sich aus. Kaum einer bremst, auch wenn Ausweichmanöver auf die Gegenfahrbahn zwingen. Knietiefe Krater übersäen den Asphalt. Wer hier so halsbrecherisch fährt, kennt sich nicht nur aus, er darf es auch, weil er einen "Propusk" besitzt - einen Passierschein.

Kilometerlang schlängelt sich die Straße am Nordhang des kaukasischen Gebirgskammes entlang, der im Badeort Weseloje am Schwarzen Meer in einen schmalen Küstenstreifen übergeht. Der Kamm markiert auch die Grenze zur Republik Abchasien, der Russland nach einem Krieg 2008 die Unabhängigkeit von Georgien schenkte, Weseloje - zu Deutsch das "fröhliche" Dorf.

Abertausende Urlauber verbringen hier die Ferien, Russen, die es nicht so dicke haben, um im benachbarten Sotschi abzusteigen. Weseloje ist gerade noch erschwinglich und auch sonst kommt man hier auf seine Kosten. Nicht so fröhlich geht es am Grenzübergang zu, vor dem endlose Autoschlangen auf die Einreise in die befreundete Nachbarrepublik warten.

Die Spiele: Am 4. Juli 2007 vergab das IOC erstmals in der Geschichte Olympische Winterspiele an Russland. Die 22. Winterspiele werden vom 7. bis 23. Februar 2014 im südrussischen Sotschi am Schwarzen Meer stattfinden. Sotschi hatte sich gegen Salzburg und das südkoreanische Pyeongchang durchgesetzt. Die Gesamtkosten werden auf mehr als 24 Mrd. Euro geschätzt, da alle Spielstätten und ein Großteil der Infrastruktur neu errichtet werden müssen. Sotschi 2014 ist damit eines der größten russischen Regierungsprojekte.

Die Kritik: Heftig kritisierten Umweltschutzorganisationen die Vergabe, weil die Sportstätten in unberührten Bergregionen errichtet werden. Kritik wurde aber auch laut, weil Russland die Spiele in direkter Nachbarschaft zur nordkaukasischen Konfliktregion ausrichtet. Auch die russischen Behörden fürchten Anschläge. Nach einem Anschlag am 24. Januar 2011 auf dem Airport Moskau-Domodedowo mit 35 Toten hat der russische Präsident Medwedjew mit Blick auf Sotschi einen deutlich schärferen Antiterrorkampf angekündigt.

An der Sicherheitszone

Einige hundert Meter vom Strand, wo die holprige Straße in die Berge abzweigt, hört der Spaß dann endgültig auf. Die No-go-Area beginnt, keine Wegweiser mit Ortsangaben, sondern Warnschilder auf Russisch: "Grenzgebiet, betreten nur mit Sondergenehmigung". Wer nicht genau hinschaut, übersieht die Schilder leicht. Sie sind im EU-Blau gehalten, die identische Tafeln nutzt, um auf Projekte hinzuweisen, die mit EU-Geld gefördert werden.

Zufall? Wer nicht des Russischen mächtig, aber neugierig ist, macht sich strafbar. Diese Sicherheitszone liegt nur wenige Kilometer vom Zentrum der Olympischen Winterspiele 2014 entfernt, das in der Imeritinski-Bucht zwischen Sotschi und Weseloje errichtet wird.

Am anderen Ende der verbotenen Straße, versteckt in den Bergen, befindet sich die abchasische Ortschaft Aibga, das eigentliche Ziel der Reise. Ein Weiler mit einigen hundert Seelen, den bislang nur Einheimische und Wanderer kannten. Seitdem Sotschi den Zuschlag für die Olympischen Spiele erhalten hat, entwickelt sich das gottverlassene Nest zum Zankapfel. Russland drängt die Abchasen, den Ort abzutreten, und je näher die Spiele rücken, desto stärker wird der Druck aus Moskau.

Aibga liegt am Nordhang des Kaukasus und ist von der russischen Seite leichter zugänglich als von Abchasien - zumindest mit Blick auf die Karte. Bis nach Krasnaja Poljana, wo die hochalpinen Wettkämpfe stattfinden, sind es nur zehn Kilometer Luftlinie. Früher gingen die Poljaner an den Hängen des Aibgakammes auf Steinbock- und Bärenjagd.

Das aber sei lange her, meint Janis, ein griechischstämmiger Hirte aus Krasnaja Poljana. "Seit Beginn der Bauarbeiten sitzen wir im Käfig", klagt der rüstige Achtzigjährige und warnt vor unnötigen Eskapaden: Aibga sei nicht weit, die Wege aber zugewachsen und die Gegend ein Dschungel. Russland fürchtet, Terroristen könnten sich dieses Dickicht zunutze machen. Die Sicherheit der Spiele bereitet Kopfzerbrechen, und Moskau lenkt dabei den Blick auf den Konflikt mit Georgien um die abtrünnigen Republiken Südossetien und Abchasien. Doch das ist nur vorgeschoben. Georgien wird nicht in Russland einfallen.

Drohungen vom Emirat

Die eigentliche Bedrohung ist hausgemacht und geht von islamistischen Fundamentalisten aus dem russischen Nordkaukasus aus. Dezentrale Kommandos des nordkaukasischen Emirats trieben schon vor der Vergabe der Spiele in der Nachbarschaft des Wintersportorts ihr Unwesen. Dem IOC war das entgangen, als er sich von den Weichzeichnern des Kreml 2007 umwerben ließ. Von offizieller Seite gibt es zu den Sicherheitsbedenken denn auch keine Stellungnahme. Das Thema wird totgeschwiegen.

Doch die Einheimischen beklagen sich. "Unternehmer, die aus dem Kaukasus stammen, erhalten keine Aufträge", erzählt ein Handwerker, der anonym bleiben möchte. Um sie herum boome es, aber die Anwohner gingen leer aus. Auch die Arbeiter auf den Baustellen kommen aus anderen Teilen Russlands. Die billigen ungelernten Arbeitskräfte werden in Zentralasien angeworben. Moskaus Furcht vor radikalen Islamisten, die über ansässige Unternehmen Sabotage verüben könnten, ist verständlich. Der Bann stellt jedoch die Bevölkerung einer ganzen Region unter Generalverdacht.

Auch die Helfer, die während der Spiele eingesetzt werden sollen und die demnächst ausgewählt werden, dürfen angeblich keinen kaukasischen Hintergrund haben. Der Inlandsgeheimdienst ist jetzt schon in Alarmbereitschaft. Gelegentlich gehen vor Sportveranstaltungen in Sotschi Sprengsätze hoch. Der Geheimdienst verweist dann auf georgische Agenten, ohne aber jemals einen dingfest gemacht zu haben. Meistens stecken aufgebrachte Bürger dahinter, die unter die Räder der Olympiamaschine geraten sind und sich ungerecht behandelt fühlen.

Warum Moskau in dieser Situation auch noch einen territorialen Konflikt mit Abchasien vom Zaun bricht, ist ein Rätsel. Abchasien hatte sich vielmehr von den Spielen Aufschwung versprochen. Wie wenig der Nachbar in die Vorbereitungen einbezogen ist, wird schon am Flughafen in Sotschi klar: "Mit dem Auto nach Abchasien?", fragt der Autoverleiher barsch. "Nein, das ist Ausland!" Aber doch befreundetes Ausland?

"Auch noch Ausländer"

Der junge Mann zieht eine Grimasse. Der Gedanke, dass in zwei Jahren Olympiabesucher auch die einstige sowjetische Riviera erkunden möchten, ist dem Mann fremd. Schon die Frage macht ihn grantig. Die Abchasen verabschiedeten inzwischen ein Gesetz, das den Verzicht auf Territorium untersagt. Nach internationalem Recht müsste sich Russland ohnehin mit Georgien verständigen.

Die Fahrt auf der Straße von Weseloje in die Berge endet nach zwanzig Kilometern in der Nähe der Ortschaft Jermolowka. Dort geht die Straße in einen steilen Knüppelweg über, der von Soldaten bewacht wird. Nur ein angeheiterter armenischer Bauarbeiter ist auf der Straße. Von einer Passierscheinstelle ist weit und breit nichts zu sehen. Zuständig sei die Verwaltung in Weseloje, heißt es schließlich.

"Aibga war immer russisch, sollen die Abchasen behaupten, was sie wollen", ruft der freundliche Bürovorsteher in dem Badeort später wie aus der Pistole geschossen. Der Sachbearbeiter für Sondergenehmigungen sei erst am nächsten Tag wieder im Büro. "Sind Sie überhaupt von hier? Ach, auch noch Ausländer! Da können wir sowieso nichts für Sie tun", sagt er und verweist an die Grenztruppen in Sotschi. Die Grenzer sind an diesem Nachmittag auch nur mit einer Notmannschaft vertreten und halten sich nicht für zuständig. Beim Inlandsgeheimdienst FSB solle man es probieren.

Der FSB residiert in einem modernen Bau in einer Seitenstraße des Kurort-Boulevards. Die Empfangsherren hinter undurchsichtigen Scheiben schieben ein Formular unter dem Glas durch. Ausfüllen und abwarten. Es kann Tage dauern. Zwar handelt es sich um einen Routinevorgang, sein Ausgang bleibt aber offen. Meist hilft nur Bakschisch.

Zwei Tage Verhör

Ein letzter Versuch, doch noch nach Aibga zu gelangen, führt in den "Medweschij Ugol", zu Deutsch Bärenwinkel. Auf der Autobahn Richtung Krasnaja Poljana galoppiert eine Herde Pferde. Auch die abgesackten Gullideckel auf der neuen Trasse dürfen nicht übersehen werden. Vom Bärenwinkel wäre der Aufstieg nach Aibga am einfachsten.

Der Lärm der Lkws, die im Halbminutentakt zu den Baustellen nach Krasnaja Poljana donnern, haben die Bären vertrieben. Gelegentlich schauen noch ein paar Touristen vorbei, erzählt der Wächter am Schlagbaum. Auch diese Ecke ist schon abgeriegelt. "Überall in den Wäldern stehen Soldaten", sagt er. Eindringlinge würden zwar nicht mehr nach Sibirien deportiert, meint er augenzwinkernd, mit zwei Tagen Verhör müsse aber rechnen, wer keine Sondererlaubnis habe.

"Gnade Gott dem, der von der Polizei festgenommen wird", warnte ein reisender Europäer Ende des 19. Jahrhunderts: "Gott verzeiht, der Mensch vergisst, die geheime Polizei vergisst nie, noch verzeiht sie."

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