Olympia-Alternative „Utopiadi 5.000“: Lieber Sport von unten
Die abbruchreife Halle eines ehemaligen Basketballvereins in Mailand wurde besetzt. Sie bietet eine Alternative zu den Hochglanzspielen an.
Grau ist sie geworden mit den Jahren, jene gewaltige Zeltkonstruktion, unter deren Dach meist mehr als 10.000 Fans die Auftritte von Olimpia Milano, dem zeitweise besten Basketballteam in Europa, gefeiert haben. Kein Wunder, seit 2012 kümmert sich niemand mehr um die Arena in städtischem Besitz, die in Mailand unter ihrem letzten gesponserten Namen Palasharp bekannt ist. Sie steht leer und ist dem Verfall preisgegeben.
Am vergangenen Wochenende zog wieder Leben ein in das Gelände, das für die Bewohner der schicken Neubauwohnungen und die Mieter der oft nagelneuen Glas- und Betonburgen in der näheren Umgebung wie ein Schandfleck wirken muss. Am Tag der Eröffnungsfeier im Giuseppe-Meazza-Stadion wurde die Halle von Aktivistinnen der linken Mailänder Szene besetzt. Der Sport ist wieder eingezogen unter das gewölbte Dach. Olympiagegner luden zu den „Utopiadi“.
Ein paar Hundert Menschen haben dann in der finsteren Halle, deren Beleuchtung schon lange von Netz genommen wurde, das zelebriert, was sie unter „sport populare“ verstehen. Zahlreiche linke Sportstudios aus ganz Italien, aber auch aus Belgien und Deutschland haben Leute für ein Boxturnier gemeldet. Vor der Halle wird auf einem kleinen Feld eine Art Rugbyvariante für gemischte Teams vorgestellt, in der Halle ist ein Fußballfeld abgesteckt.
Von der Hallendecke hängen bunte Tücher, an denen Hobbyartisten an ihren Zirkustricks üben. Auch an einer Pole-Stange werden Figuren trainiert. Vor einer kleinen Kletterwand unterhalten sich die Leute über den richtigen Weg nach oben oder diskutieren darüber, ob ihre neuen Kletterschuhe etwas taugen.
Palasharp
Es wurde also wieder Sport getrieben in der Arena. Es waren die Aktivistinnen des CIO, die das Festival auf die Beine gestellt haben. Die Abkürzung steht nicht wie im offiziellen Olympia für das IOC. Es steht für „Comitato Insostenibili Olimpiadi“, Komitee für nicht nachhaltige Spiele. Nun gab es also Sport von unten im Palasharp satt olympische Hochglanzwettbewerbe.
Die waren eigentlich für diesen Ort vorgesehen. Die alte Zeltkonstruktion sollte einer neu zu errichtenden Spielstätte für das olympische Fraueneishockeyturnier weichen. Doch außer teuren Planungskosten, für die die Stadt aufzukommen hatte, ist von dem Projekt nichts geblieben. Die Frauen spielen nun am Rand der Stadt in einer Messehalle.
Dafür konnte man am Wochenende zu einem undefinierbaren Eintopf aus der „Q-cina“ Bier vom Fass oder Wein aus dem Kanister nun alternativen Sport verfolgen. Oder eben selbst mitmachen. Denn das genau sei der Unterschied zum klassischen Zuschauersport, der bei den Spielen präsentiert werde. Das sagt Maria, Marta oder Mary vom CIO. Es ist ihr egal, unter welchem dieser Namen sie zitiert wird. Ihren wahren Namen möchte die Studierende nicht in der Zeitung sehen. „Hier der Sport, da das Publikum, diese Trennung wollen wir überwinden“, sagt sie. „Hier können alle mitmachen.“ Bei einer Yogasession zum Beispiel oder einem Einführungsworkshop im Capoeira.
Mit der olympischen Welt kann sie nichts anfangen. Wie dort Entscheidungen über die Köpfe der Menschen getroffen würden, lehnt sie ab. Wie es sein kann, dass ein Land wie Israel an den Wettkämpfen teilnehmen darf, mag sie nicht verstehen. Das dürfte den meisten, die zur Utopiadi gekommen sind, ähnlich gehen.
Propalästina
Am Halleneingang ist eine Palästinafahne angebracht und auch bei den Demos der Olympiagegner am Eröffnungstag der Spiele sowie am Tag danach gehörte das Tragen einer Kufija zur Protestfolklore. Bei den Protesten gegen die Spiele, von denen nur Konzerne profitieren, die zu Gentrifizierung ganzer Stadtteilen führen und zur weiteren Zerstörung des Alpenraums in Zeiten der Klimakrise beitragen, das Thema Gaza immer mitzudenken, ist für die Szene selbstverständlich.
Wie das in der Stadtgesellschaft ankommt, weiß Mary natürlich nicht. Aber sie kennt die Umfragen, die ergeben haben, dass den meisten Mailändern die Spiele eher egal sind. Die langen Schlangen vor dem „Official Shop“ der Spiele auf dem Platz vor dem Dom, wo sich viele Einheimische ein Stück Olympia in Form eines Stofftiers, T-Shirts oder Flaschenöffners kaufen, sind für sie nicht repräsentativ.
Mary, Aktivistin
Die wohlwollend auf 5.000 Teilnehmende geschätzte Demo am Samstag ist es wohl ebenso wenig. Ein Teil der Aktivistinnen hatte alles dafür unternommen, um ihr Anliegen – beim Versuch einen Autobahnzubringer zu blockieren – mit Feuerwerksraketen ins Bewusstsein der Mailänder zu schießen. „Wir wollten zeigen, dass es uns ernst ist“, sagt Mary und lächelt als die Sprache darauf kommt, dass Ministerpräsidentin Giorgia Meloni die Demonstrierenden als „Feinde Italiens“ bezeichnet hatte. „Know Your Enemy“ war auf dem Transparent zu lesen, hinter dem die Aktivistinnen in die Schlacht gegen die Polizei gezogen waren.
Am Tag danach hat Mary keine Angst vor einem Polizeieinsatz, vor einer Räumung der besetzten Halle. Sie zeigt auf die Menschen, die sich vor dem Palasharp zum Rauchen und Quatschen versammelt haben. „Sie haben nur Cops und Gewalt“, sagt sie, „wir haben die Menschen.“
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