: „Ohne Geld bist du ein Wurm“
■ Dr. phil. Schäfer ernährte sich zwei Jahre von „Mars“
„Mit dreißig Jahren promoviert zu haben, war schon nicht schlecht. Aber in meinem geisteswissenschaftlichen Fach gab es nur eine Möglichkeit: Erstanstellung bei meinem Doktorvater oder Absturz. Zwei Jahre wurde ich hingehalten und begann eine Habilitation. Das Geld zum Leben habe ich mit Gelegenheitsjobs verdient als Möbelträger, Auspreiser in einem Supermarkt und Heizkostenzähler-Ableser. Mit den achthundert Mark im Monat kam ich hin, weil ich in meiner Wohngemeinschaft nur wenig Miete zahlte.
Ohne Geld verändert sich das Leben, weil man alles in Geld übersetzt. Ich mußte abwägen, ob ich mir Rasierklingen oder etwas zum Essen kaufen sollte. Neue Schuhe oder ein neues Hemd? Natürlich wurde meine Kleidung schlechter.
Mein Aussehen war mir sonst gleichgültig, aber jetzt bemerkte ich, daß ich in Geschäften nach einem Blick auf meine Kleidung anders behandelt wurde. Ich wurde dicker. Nicht nur, weil mein Essen schlechter war, sondern auch, weil ich mehr Süßigkeiten aß. ,Satt‘ zu sein war plötzlich eine wichtige Kategorie, obwohl ich natürlich nicht wirklich hungerte, sondern nur Angst vorm Hungern empfand. In der Stadt fielen mir jetzt die Bettler auf. Ich begann, mich mit ihnen zu identifizieren, malte mir ihre Lebensgeschichten aus. Das war für mich der Knackpunkt: die Angst vor dem Totalabsturz.
Nach zwei Jahren, in denen sich mein Fachwissen ebenso vermehrt hatte wie meine Schulden, war ich immer noch ohne Stelle. Da nahm ich die erste Möglichkeit, die sich mir bot, und stieg in die Weiterbildungsbranche ein – zuerst mit Englischkursen. Mein Resümee nach meiner ,Armutsphase‘ ist ein Zitat aus einem Film: ,Mit Geld bist du ein Drachen, ohne Geld ein Wurm.‘“
Dr. phil. Jochen Schäfer, Hochschulabsolvent der FU Berlin, bildete sich autodidaktisch weiter in PC-Anwendung und entwickelt heute computerbasiertes Training.
AR
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen