Nutzung des Bergwerks Gorleben: Endlager als Wellness-Oase?

Die CDU möchte das einstige Endlager-Bergwerk Gorleben für kommerzielle Zwecke nutzen. Atomkraftgegner warnen davor, die Grube offen zu halten.

Luftaufnahme des ehemaligen Erkundungsbergwerks in Gorleben.

Anlass für Gedankenspiele: das ehemalige Erkundungsbergwerk in Gorleben Foto: Philipp Schulze/dpa

GORLEBEN taz | Die Lichtung im Gorlebener Wald, auf der das ehemalige Greenpeace-Schiff „Beluga“ aufgebockt ist, liegt still im Dezembernebel. Die Mauer, die Jahre lang das große Bergwerk umgab, ist bis auf ein kleines Stück abgebaut. Ein Atommüll-Endlager in Gorleben ist vom Tisch. Oder doch nicht? Eines Tages könnten radioaktive oder andere giftige Abfälle doch noch in den Salzstock im Kreis Lüchow-Dannenberg eingelagert werden, warnen Atomkraftgegner.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hatte Ende September erstmals eine Karte mit Gebieten veröffentlicht, die für den Bau einer Lagerstätte für hochradioaktiven Atommüll infrage kommen. Gorleben ist nicht darauf verzeichnet. Da es keine Pläne für eine Nachnutzung des Erkundungsbergwerks gebe, werde es dauerhaft geschlossen, hatte die BGE angekündigt. Für die Schließung solle ein sogenannter Abschlussbetriebsplan erstellt werden, das könne gut und gerne zwei Jahre dauern.

Nach dem Neustart der Endlagersuche – 2013 parteiübergreifend vereinbart und 2017 dann tatsächlich begonnen – und um Gorleben ein wenig aus dem Fokus zu rücken, hatte der Bundestag beschlossen, die Erkundungsarbeiten im Salzstock einzustellen. Das Bergwerk ging in den sogenannten Offenhaltungsbetrieb über. „Der Erkundungsbereich wird außer Betrieb genommen und abgesperrt“, erläuterte BGE-Sprecherin Monika Hotopp damals der taz. Alle nicht mehr erforderlichen Maschinen und Fahrzeuge wurden nach oben geholt, die Schächte verschlossen, aber nicht zugeschüttet. Dies hatten Atomkraftgegner verlangt, sie konnten sich aber nicht durchsetzen.

Jetzt bekräftigt die örtliche Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ihre alte Forderung. Die Schächte und Stollen müssten mit dem aufgefahrenen Salz, das zu Hügeln aufgetürmt auf dem Gelände liegt, verfüllt werden, das Bergwerk müsse wieder zur „grünen Wiese“ werden.

Wolfgang Ehmke, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

„Das Standortauswahlgesetz ist nicht in Stein gemeißelt. Der Bundestag kann es entsprechend modifizieren. Deshalb wollen wir kein Türchen offen lassen“

Anlass für die Warnungen sind Gedankenspiele örtlicher CDU-Politiker. Das Bergwerk mit seinen Schächten und Stollen sowie auch die überirdischen Gebäude sollten eine sinnvolle Nachnutzung erfahren, fordern nämlich Christdemokraten in der Samtgemeinde Gartow, in der auch Gorleben liegt. Nichts was mit Atom zu tun habe, das müsse ausgeschlossen werden, sagt zwar der Vorsitzende des Ortsverbandes, Matthias Hennings. Aber es gebe denkbare und überlegenswerte Alternativen. Chancen, die man „nicht einfach so wegschmeißen sollte“.

45 Jahre lang hätten der Landkreis Lüchow-Dannenberg und ganz besonders die Samtgemeinde Gartow die Last für die Erkundung eines möglichen Endlagers getragen, zitiert die Elbe-Jeetzel-Zeitung aus einem Positionspapier der CDU – als habe nicht gerade diese Partei selbst stets erbittert für die Atom­anlagen in Gorleben gestritten. „Stigmatisiert worden“ seien die ganze Region und ihre Bewohner. Und mit dem „am Ende völlig richtigen und nachvollziehbaren Aus“ für das Endlagerprojekt lasse man die Menschen nun ein weiteres Mal im Stich, sagt Matthias Hennings.

Das Areal eigne sich etwa als Standort für Windräder, im Bergwerk könnte Energie aus Erdwärme gewonnen werden, es lasse sich dort auch Wasserstoff produzieren und lagern. Auch eine Nutzung als „Heil­stollen“ wie im österreichischen Gastein sei denkbar, meint die CDU. 14.000 Gäste kämen dort Jahr für Jahr hin, um sich in den dortigen ehemaligen Bergwerksstollen zu kurieren.

Für ein „gefährliches Spiel“ halte er diesbezügliche Überlegungen und überhaupt eine Offenhaltung des Bergwerks, sagt nun BI-Sprecher Wolfgang Ehm­ke. Es habe in der Vergangenheit bereits Planspiele gegeben, wie die Anlage genutzt werden könnte, sollte sich der Salzstock als ungeeignet für ein Endlager für den hochradioaktiven Müll erweisen. „Eine mögliche Giftmülldeponie war im Gespräch“, erinnert Ehmke. Auch die Einlagerung der Abfälle aus der havarierten Atommülldeponie Asse sei schon „als kleineres Übel gepriesen“ worden – kleiner im Vergleich zu dem hochradioaktiven Schrott, für den Gorleben jahrzehntelang im Gespräch war.

In das ehemalige Salzbergwerk Asse II wurden zwischen 1967 und 1978 rund 126.000 Fässer mit schwach und mittelradioaktiven Abfällen sowie Chemiemüll versenkt. Weil die Grube instabil ist und voll Wasser zu laufen droht, sollen die Behälter nach Möglichkeit an die Oberfläche geholt werden. Ihr dauerhafter Verbleib ist völlig ungeklärt. In das frühere Eisenbergwerk Schacht Konrad, das zurzeit von der BGE zum Bundesendlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll umgerüstet wird, können die Asse-Fässer schon aus Platzgründen nicht. Auch für die strahlenden Rückstände aus der Urananreicherungsanlage Gronau gibt es bislang kein Endlager. „Das Standortauswahlgesetz ist nicht in Stein gemeißelt“, sagt Wolfgang Ehmke. „Der Bundestag kann es entsprechend modifizieren. Deshalb wollen wir kein Türchen offen lassen.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de