Nutzerverhalten bei Bewertungen: Herdentrieb im Internet

Ein freier Wille existiert bei der Bewertung von Produkten und Diskussionsbeiträgen im Internet nur bedingt. Positive Bewertungen lösen eine Sogwirkung aus.

Daumen hoch! Bild: dpa

BERLIN dpa | Beim Bewerten von Inhalten im Internet folgen Menschen einem Herdentrieb. Kommentare, die bereits positiv bewertet wurden, sammelten häufiger weitere Zustimmung ein als Äußerungen ohne diesen Vorsprung, fanden Forscher aus Israel und den USA in einem Experiment heraus.

Die Experten untersuchten eine Internetplattform, auf der Nutzer Links zu Nachrichten oder lustigen Geschichten teilen und diskutieren können. Dabei können sie die Kommentare anderer Nutzer mit einer positiven Bewertung versehen („Upvote“) oder mit einer negativen („Downvote“). Welche Seite sie untersuchten, teilten die Forscher „aus rechtlichen Gründen“ nicht mit. Nach diesem Prinzip funktioniert auch „Reddit“, laut dem Analysedienst Alexa eine der 200 meistbesuchten Webseiten weltweit.

Die Forscher beobachteten über fünf Monate mehr als 100.000 Kommentare auf der untersuchten Seite. Dabei manipulierten sie die erste Bewertung einiger Kommentare: Manche erhielten ein automatisches Plus, andere ein Minus.

Wurde ein Kommentar zuerst positiv bewertet, zog er weitere Unterstützung an. Solche Kommentare hatten am Ende eine um ein Viertel höhere Bewertung als Vergleichskommentare ohne künstlichen Vorsprung. „Die kleine Manipulation einer einzigen positiven Erstbewertung führte aufgrund des sozialen Einflusses zu einer signifikant höheren Gesamtbewertung“, schreiben die Forscher im Fachmagazin Science.

Tendenz zum Prinzip erhoben

Bei einer negativen Erstbewertung beobachteten die Forscher einen Ausgleichseffekt. Die nächste Bewertung war oft positiv – offenbar wollten andere Nutzer den schlechten Eindruck der ersten Bewertung ausgleichen. Auch ohne den Trick der Forscher verteilten Nutzer allgemein mehr positive als negative Bewertungen auf der Seite. Facebook hat diese Tendenz zum Prinzip erhoben, hier gibt es nur den „Daumen hoch“-Button und keinen „Daumen runter“.

„Während sich positiver Einfluss ansammelt und eine Tendenz zu Bewertungsblasen aufweist, wird negativer Einfluss von der Menge der Nutzer korrigiert“, fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen. Generell zogen Kommentare, die schon eine Bewertung aufwiesen, weitere Bewertungen an. Nutzer waren also eher geneigt, ihre Meinung mitzuteilen, wenn das schon jemand vor ihnen getan hatte.

Diese Effekte könnten auch bei Wahlumfragen, Börsenkursen und Produktempfehlungen im Netz eine Rolle spielen, vermuten die Wissenschaftler.

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