: Nonstop sonnen
■ „Sunscan“ und „Sunwatch“: Alarmanlagen für den Strand
Puuh, das war knapp! Fast wär's zu spät gewesen. Fast aber eben doch nur. Trotzdem: Puuh!
Tausenden, ach was: Millionen von Deutschen steht die Angst noch ins Gesicht geschrieben. Gebibbert und gebangt haben sie, geheult und geschrien. Wehklagend legten sie acht Wochen lang den Kopf in den Nacken, fielen auf die Knie und beteten sie an und um Gnade. Sie — die Sonne, the sun, le soleil, el sol, il sole — trieb die Menschen zum kollektiven Wahnsinn, das heißt die, die trotz Ozonlochkatastrophenhautkrebsmeldungen an Stränden und in Poolen bruzzeln, bis die Haut ledrig und schwarzbraun gegerbt ist.
Die Sonne trieb die Menschen zum Wahnsinn, weil sie selbst sich gar keine Ruhe mehr gönnte und Berlin, nur so als Beispiel, acht Wochen lang ohne Regen vor sich hinmuffelte. Und weil die Deutschen, also die Sonnenkinder unter ihnen, den neuesten Trend — pale is beautiful — noch nicht mitbekommen haben, sie also Braunsein mit Schönundgesundsein gleichsetzen, hieß es acht Wochen lang: Nonstop sonnen.
Sie wehklagten und heulten dann aber, weil ihnen in Deutschland soviel Sonne noch nie auf den Pelz gebrannt hat. Instinktiv hatten sie gelernt, im Land der Regenwolken und der arktischen Sommergrade muß jeder Strahl ausgenutzt werden. Gelernt hatten sie nie, was zu tun sei, wenn nun jeder Tag gleich ist. Gleich grell, gleich heiß. So liefen sie, wie die Lämmer zur Schlachtbank, zum Sonnenmetzger und knallten sich die Birne voll mit UV. Red is beautiful.
Deutschland erwache! Die Rettung ist da, hurra, hurra! Die glückseligmachende Meldung kommt aus Hamburg (vom Spiegel), der hat sie aus Lausanne (hinter den sieben Bergen), die Eidgenossen wiederum aus Hongkong (wo so viel so billig produziert wird). Gegen die Überdosis Sonne gibt es jetzt phantastische Erfindungen, die fiepen, blinken, sich verfärben. Sie kosten sechs oder hundert Mark und liegen bald in allen Apotheken.
„Sunscan“ (DM 6,-) ist eine Karte, die im schlimmsten Fall zur roten wird, wenn die Sensorkristalle auf ihr der Meinung sind: Achtung, Hautkrebs im Verzug! Mit ihr am Strand ist es wie beim Zuckertest, nur ohne Urin: man betupft das Pappkärtchen im Kreditkartenformat mit seiner Sonnencreme, es verfärbt sich und wird gelb oder orange oder rot.
„Sunwatch“ (DM 100,--) ist die Luxusausgabe der Sonnenalarme, für die hartnäckigen Fälle sozusagen: es trägt sich wie eine Uhr und reagiert bei zuviel UV wie bei einem Störfall im Atomkraftwerk: es schreckt optisch wie akustisch.
Böse Zungen, wie beispielsweise die Apothekerin von gegenüber, machen die Teile Made in China mies, bevor sie die überhaupt in den Händen gehalten haben: „So ein Blödsinn“, hat sie gesagt. Die Frau hat gut reden: Ihr Gesicht war dunkel wie Halbbitterschokolade. Thorsten Schmitz
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