Nobelpreisträger für Medizin: Forscher fürs Gefühl

Der US-Sinnesphysiologe David Julius und der libanesisch-amerikanische Molekularbiologe Ardem Patapoutian erhalten den Medizin-Nobelpreis.

Die Portraits der beiden Gewinner werden auf eine Leinwand projiziert

Das Nobelpreis-Komitee verkündet, dass der Preis an David Julius und Ardem Patapoutian geht Foto: Jessica Gow/tt/ap

David Julius und Ardem Patapoutian waren am Montagmorgen schwer aufzuspüren. Berichten zufolge musste das Stockholmer Nobelpreiskomitee erst den Vater des einen und dann die Schwiegertochter des anderen mobilisieren, um der beiden diesjährigen Preisträger für Medizin habhaft zu werden. Beide Forscher sollen regelrecht geschockt gewesen sein. Und wer hätte im zweiten Pandemiejahr auch mit dieser Wahl gerechnet.

Julius und Patapoutian sind weder Virologen noch Impfstoffforscher, sie haben kein Medikament gegen Covid entwickelt und auch keine Basis für neuartige Vakzine geschaffen. Ihr Arbeitsfeld ist ein faszinierendes, in diesen Zeiten aber randständig anmutendes in der medizinischen Grundlagenforschung: die Sinnesphysiologie. Julius, der wie seine Frau Holly Ingram an der University of California in San Francisco forscht, ist ein Experte für jene Moleküle, die physikalische Reize wie Temperatur oder Druck, etwa durch Berührung auf der Haut, in elektrische Signale übersetzt, die vom Nervensystem ans Gehirn übertragen und ausgewertet werden können.

Der 65-jährige US-Amerikaner entdeckte zum Beispiel den Rezeptor, der Chilipulver auf Schleimhäuten brennen lässt und den Körper bei einer Überdosis ordentlich schwitzen lässt – weil Chili das Temperaturempfinden in die Irre führt. Eigentlich ist der zugehörige Rezeptor für das Erspüren von Hitze verantwortlich. Menthol wiederum foppt das Nervensystem, indem es Kälte vortäuscht, und so fand Julius auch einen Rezeptor für das Kälteempfinden.

Empfindungen auf der Haut entschlüsselt

Der elf Jahre jüngere Patapoutian dagegen wird für seine molekularbiologischen Erkenntnisse zum mechanischen Empfinden der Haut und auch der inneren Organe ausgezeichnet. Wie Julius hat der gebürtige Libanese zahlreiche Strukturen auf der Oberfläche von Zellen gefunden, die aus einer rein physikalischen Größe, dem Druck, elektrische Nervensignale generieren.

Patapoutian, der als 19-Jähriger in die USA auswanderte, forscht nach einer Vorzeigekarriere heute am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien. Und obwohl sowohl die Arbeit von Patapoutian als auch jene von Julius zur absoluten Grundlagenforschung zählen, haben die Erkenntnisse der zwei Physiologen das Verständnis von Körperempfindungen wie Schmerz grundlegend verändert. Jetzt muss nur die klinische Forschung noch darauf aufbauen.

Beide Wissenschaftler können deshalb nicht völlig aus den Wolken gefallen sein über die Auszeichnung aus Stockholm, sie haben zuletzt zahlreiche Preise gewonnen. Julius erhielt 2020 zum Beispiel den Breakthrough Prize in den Lebenswissenschaften, den auch die letztjährigen Nobelpreisträgerinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier erhalten hatten. Gemeinsam mit Patapoutian wurde Julius im vergangenen Jahr außerdem mit dem Kavli Prize ausgezeichnet, auch den hatten Doudna und Charpentier zuvor erhalten. Und trotzdem: Im zweiten Pandemiejahr hätten viele mit einem anderen Preis gerechnet. Kathrin Zinkant

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