: Nieder mit den feierlichen Reden
■ „Les cent et une nuits“ von Agnès Varda (Wettbewerb)
Eine Hommage ans Kino hat Agnès Varda drehen wollen, und das ist es auch geworden. Leider, muß man sagen. Monsieur Simon Cinéma (Michel Piccoli) ist so an die hundert Jahre alt und lebt in einem formidablen Schloß.
Er war Orson Welles, David O. Selznick, Gene Kelly und was sich sonst noch so an Filmgrößen denken läßt.
Eine unendliche Reihe von Stars tritt an, um ihm ihre Honneurs zu erweisen: Fanny Ardant, Belmondo, Moreau, Depardieu, Daryl Hannah, Harrison Ford, de Niro, Deneuve usw. – der Film ist eine Art Nummernrevue der Stars geworden. Mastroianni spielt sich selbst, einen alternden Charmeur, der seinem Erfolg bei Frauen hinterherträumt, Depardieu flachst mit Piccoli über die vielen Tode, die er schon gestorben ist usw. Dazwischen Ausschnitte aus alten Filmen wie „King Kong“, Murnaus „Nosferatu“, „8 1/2“ usw.
Varda wollte alles zeigen: warum und wie man Filme macht. Deshalb hat sie den ganzen Zirkus mit der Geschichte einer jungen Frau eingerahmt, die bei M. Simon als „Gedächtnisstütze“ arbeitet und deren Freund einen Film drehen will, den M. Situn unterstützen soll. In der Realisation hat sich Varda an Bunuel angelehnt — der Film ist voller lustiger und manchmal surrealistischer Szenen, die den ganzen falschen Zauber aufdecken. Am schönsten sind Deneuve und de Niro, die in einem kleinen Boot auf einem See von Planschbeckengröße die Verliebten mimen. Aber immer wieder stößt das Boot ans Ufer, zack, und die beiden streiten sich wie ein gewöhnliches altes Ehepaar. „Ich bin wie Bunuel“, sagt Piccoli zum Schluß, „es lebe die Anarchie, nieder mit den feierlichen Reden.“ So funktioniert „Les cent et une nuits“ leider nicht. Der Film erinnert eher an den Zirkus Roncalli als an Bunuel. Varda feiert den Glanz des alten Starkinos und kann schon darum der Sentimentalität nicht entgehen. Eine Sünde, der sich Bunuel niemals schuldig gemacht hat. Die Vorstellung, daß der Zuschauer ein kleines Kind ist, das mit offenem Mund über ein paar Tricks Bauklötze staunt, ist so leichtfertig wie der Glaube, daß ein paar Luftballons und etwas Flitter die Magie des Phantastischen beschwören. Anja Seeliger
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen