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Neues von Tom-Strips ©Tom geht in Aktivrente

Für 34 Jahre zeichnete Tom den täglichen Touché auf der Wahrheit-Seite. Nun ist es Zeit für einen Wandel. Ulrike Winkelmann erzählt die gemeinsame Geschichte von TOM und der taz.

Schon 10 Jahre her, trotzdem schön: Tom auf der Wahrheit-Gala 2016 Foto: Karsten Thielker

Aus der taz | Weil es lange her ist, kann ich es jetzt hoffentlich schadlos erzählen: Vor vielen Jahren waren wir in der taz einmal so unvorsichtig zu erheben, welche tazlerInnen unseren AbonnentInnen am besten bekannt sind. Das Ergebnis war teils ein wenig bestürzend, denn auf manchen der vorderen Ränge fanden sich KollegInnen, die entweder schon verstorben waren oder längst woanders arbeiteten.

Ganz genau richtig und einleuchtend aber war, dass Tom dabei war, vielleicht sogar auf dem ersten Platz, aber das weiß ich nicht mehr. Sie kennen Tom auch, seit fast 35 Jahren zeichnet er den Touché auf der Wahrheit-Seite, den sehr mutmaßlich beliebtesten Comicstrip unter der Sonne.

Ganze Generationen von taz-Kindern wurden nun schon groß mit dem Tom-Touché, längst verkauft der taz-Shop die Touché-Tassen und auch Toms „Ziegel“, das sind die backsteinförmigen Sammelbände der „Streifen“ (so nennt die Wahrheit-Redaktion die kleine Bilderfolge). Zu Weihnachten wickeln wir unsere Geschenke in Tom-Geschenkpapier.

Am Freitag, dem 6. Dezember 1991 erschien der erste Touché-Strip auf der Wahrheit-Seite der taz Comic: ©Tom

Er geht bloß in Aktivrente

Tom heißt vollständig Tom Körner und ist aus dem taz-Kosmos wirklich kaum wegzudenken. Er hat die taz und ihre Bildsprache, ihren Auftritt, ihren Klang und ihren Humor geprägt. Sie können sich nicht vorstellen, aus welchen Wolken wir fielen, als Tom vor geraumer Zeit verkündete, irgendwann erreiche auch er das Rentenalter! Zwei Drittel der Chefinnenredaktion sind flugs, und dann auch mehrfach, mit Tom in Kreuzberg Wiener Schnitzel samt Gurkensalat essen gegangen, um ihm diesen Unsinn auszureden. Eine Pause ab und zu, ja, aber Rente? Wer will den sowas? Mit – nach aktuellem Stand – gerade einmal 66 Jahren?

Auch Michael Ringel und Harriet Wolff von der Wahrheit-Redaktion waren natürlich alarmiert und unternahmen Dinge, aber das erzählen die Ihnen auf ihrem eigenen Platz, sprich auf ihrer eigenen Seite.

Und wissen Sie, es macht uns froh, was das Ergebnis ist: Tom bleibt, er geht bloß in Aktivrente. Die AktivrentnerInnen unter Ihnen wissen, dass man unter dieser Bezeichnung einfach weiterarbeitet, nur eben nicht ganz jeden Tag. Der Plan ist jetzt also der, dass Tom ab Montag, dem 13. April, seinen Strip nur noch für die bunte wochentaz-Wahrheit zeichnet und wir unter der Woche den Platz für neue Talente freigeben. Die Tradition des Cartoons – Tom spricht, analog zu „Streifen“ für „Strip“, übrigens hier gern auch von „Pappe“ – soll weitergeführt, ja überhaupt in der taz für den gesamten Rest der deutschsprachigen Welt gepflegt werden, denn so schrecklich viele Comicstrips gibt’s hier ja überhaupt nicht, und schon gar nicht in der Tagespresse.

©Tom im tazshop

Tom ist Langstreckenmeister. Seit 34 Jahren zeichnet er für jede taz-Ausgabe einen Strip von Touché. Im tazshop gibt es Sammelbände mit seinen Comics und andere Artikel für ©Tom-Fans und taz-Leser*innen.

Schwimmaufseher mit Menschenkenntnis

Beim Blick in unser Archiv finden sich gleich mehrere Porträts und auch Interviews über und mit Tom, in denen er nach den Wurzeln und Urgründen seines Schaffens durchleuchtet wurde. 2020 druckten wir einen Text von Tom selbst, in dem er beschrieb, wie die „Peanuts“ des im selben Jahr verstorbenen Charles M. Schulz ihn in seiner südwestdeutschen Kindheit geprägt haben, und wie er aber in Abgrenzung vom großen „Snoopy“-Schöpfer im Berlin der 90er Jahre seine eigene Ausdrucksform fand: Schulz verfertigte die Peanuts als klassische amerikanische Vierbilderstreifen, die laut Tom den dramaturgischen Vorteil haben, „dass die Figuren zwischendurch mal ein bisschen herumstehen und überlegen können“. Tom aber wollte schneller ans Ziel, beschränkte sich also auf drei Bildchen, „und die Pointe kommt kurz und zackig“, so schrieb er.

Von den vielen Figuren, die Tom geschaffen hat, haben mich am meisten der Bengel im Fahrradsitz seiner Mutter und die Kids mit dem Bademeister im Schwimmbad inspiriert. Ich sehe kein Kind im Fahrradsitz mehr an mir vorbeiziehen, ohne mit ihm in einen inneren Dialog zu treten: ‚Kannst Du wertschätzen, wie fest Deine Mutter für Dich in die Pedale tritt, Du Rotznase?‘, ‚Hältst Du Dein Stofftier hoffentlich fest genug, dass ihr nicht gleich umkehren und den Rinnstein danach absuchen müsst?‘ – solche Dinge. Aus dem Schwimmaufseher am Beckenrand spricht meines Erachtens eine so große Menschenkenntnis, er bademeistert die sozialen Konflikte in seinem Schwimmbecken so lebensklug – um die Güte und Weisheit in dieser Szenerie schriftlich darzustellen, wären auf anderen taz-Seiten auch 10.000 Zeichen nicht genug.

Aber in Toms Fall ersetzen drei Bildchen eben tausend Worte. Freuen Sie sich also auf die wochentaz-Toms nach den Osterferien, und dann auch auf die neuen Zeichnerinnen und Zeichner unter der Woche im ePaper der taz! Und den „Tom-Shuffle“ auf taz.de ganz unten, der aus dem Riesenwerk Toms per Mausklick eine Zufallsauswahl zeigt, den ergänzen wir natürlich auch nach und nach mit dem Oeuvre der Neuen. Das wird dann ein Kunstwerk für sich.

🐾 ©Tom geht in Aktivrente! Ab Montag, den 13. April, erscheint der tägliche touché von ©Tom auf der Wahrheit nur noch wochenendlich. Fünf neue Cartoonistinnen und Cartoonisten treten werktags ©Toms glorreiches Erbe an. Alle Infos zur Tom-Streifenwende hier.