Neues Musikmagazin auf 3sat: Zurück in die Vergangenheit

Prominente erstellen Playlists und ein "Profiler"-Team betreibt damit Küchenpsychologie: "Tonspur - der Soundtrack meines Lebens", am Mittwoch um 22.25 Uhr auf 3sat.

Als Tonträger hat die Musikkassette ausgedient, die Musik aus ihrer Blütezeit wird jedoch auch in den neuesten TV-Musikmags abgefeiert. Bild: dpa

Wer Mitte der achtziger Jahre angefangen hat, Musik zu hören, hat einmal die Woche Formel Eins geguckt. Was anderes wurde nicht geboten. Dann kamen Privatfernsehen und MTV - und Formel Eins war erledigt. Inzwischen gibt's Internet und Youtube - und MTV ist erledigt.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen 2010 ist das Leitmedium eines vergreisten Publikums, den popmusikalischen Anschluss hat es lange schon verloren. (Natürlich gibt es Tracks auf Arte - aber das ist viel mehr als ein Musikmagazin.) Wenn man es dann, nach all den Jahren, also doch noch einmal mit einem (Pop-)Musikformat versucht, ist es natürlich nur konsequent, die Sache rein retrospektiv anzulegen - angelehnt an das, was einmal Jugendkultur war. Und jugendlicher als die 1981 geborene Schweizer Moderatorin Nina Brunner ist hier niemand. Sie begibt sich auf die "Tonspur" ihres Gastes und will von ihm im Interview den ganz persönlichen Soundtrack seines Lebens erfahren. Die Songs werden kurz angespielt; parallel nimmt sich eine dreiköpfige "Profiler"-Gruppe die Playlist vor und küchenpsychologisiert über den ihr unbekannten Urheber. "Wer bin ich?" statt "Was bin ich?".

Das ist alles etwas umständlich und für knapp bemessene 30 Minuten natürlich viel zu viel - aber dann doch nicht unspannend. Man denke nur an Nick Hornbys "High Fidelity". Das Erstellen so einer Liste von Lieblingstiteln ist fürwahr keine Petitesse! Da geht es um Distinktion, da gilt es, sich als Connaisseur zu beweisen. Davon gehen jedenfalls die "Profiler" aus - und sind von der Auswahl ihres ersten "Täters" nicht allzu beeindruckt: u.a. Harry Belafonte, Black Eyed Peas und Tina Turner. Einer der drei, Musikmanager Tim Renner, identifiziert den Autor der Liste als einen, "der schon auf Klassenfeste gegangen ist, dort aber nie auflegen durfte, und der sich schnell der Gesellschaft und ihren Zwängen angepasst hat". Er tippt auf Thomas Gottschalk.

Ganz falsch! Es ist Boris Blank - einer der zwei Oberlippenbartelektroniker von Yello, Formel-Eins-Gucker erinnern sich. Aber warum kanonisiert der nicht Neu! oder wenigstens Kraftwerk? Auf ihre Fehleinschätzung lassen die "Profiler" nicht etwa Selbstkritik folgen. Nein, sie üben sich im Fremdschämen: "Ja, das ist jetzt traurig. Boris, Boris, Boris, das hätten wir nicht von dir gedacht!"

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