Neue Science-Fiction-Comics: Die Menschen im Jahr 2050

In den neuen Science-Fiction-Serien „Gung Ho“ und „Waisen“ verspricht die postapokalyptische Welt viel Raum für die Fantasien Heranwachsender.

Die Jugendlichen in „Fort Apache“ wirken normal, aber die „Reißer“ sind nah. Bild: Thomas von Kummant/Cross Cult

Schleichend kann die Apokalypse im Comic eintreten, langsam und unaufhaltsam, aber auch plötzlich, mit einem gewaltigen, alles zerstörenden Schlag. Immer ist danach jedoch nichts mehr, wie es zuvor einmal war. Aus den Trümmern der alten Welt entsteht eine neue, die von den Überlebenden als paradoxes Nebeneinander von Freiheit und Zwang erfahren wird.

In „Gung Ho“ kommt der Untergang buchstäblich auf leisen Sohlen. Nicht mehr die Menschen sind hier die führende Spezies, sondern die „Reißer“, eine neue, höchst aggressive Tierart, in deren Aussehen und Bewegungsweise sich Merkmale von Affe, Bär und Raubkatze verbinden. Wie die „Reißer“ entstanden sind, ist unklar; aus den unbewohnten Regionen der Erde kommend, ist es ihnen jedenfalls gelungen, der menschlichen Zivilisation innerhalb zweier Jahrzehnte den Garaus zu machen.

„Gung Ho“ spielt in „Fort Apache“, einer der verstreuten kleinen Siedlungen, in denen die Menschen im Jahr 2050 leben. Da jederzeit ein Angriff der „Reißer“ droht, ist große Aufmerksamkeit geboten; außerdem gelten strenge Regeln, die das Überleben der Gemeinschaft ermöglichen sollen. Diese Regeln einzuhalten fällt aber nicht immer leicht, besonders nicht einem rebellischen, großmäuligen Teenager wie Archer, der mit seinem jüngeren Bruder Zack aus der Stadt nach „Fort Apache“ gebracht worden ist, um dort ein sozialverträgliches Verhalten zu lernen.

Eine außerirdische Macht greift an

Benjamin von Eckartsberg (Text), Thomas von Kummant (Zeichnungen): „Gung Ho“, Band 1: „Schwarze Schafe“. Cross-Cult-Verlag, Ludwigsburg 2014, 80 Seiten, 22 Euro; limitierte Vorzugsausgabe, 120 Seiten, 35 Euro

Roberto Recchioni (Text), Emiliano Mammucari u. a. (Zeichnungen): „Waisen“, Band 1: „Das Ende ist erst der Anfang“, Band 2: „Das erste Blut“. Cross-Cult-Verlag, Ludwigsburg 2014, je 208 Seiten, je 16,80 Euro

In „Waisen“ dauert das Weltende dagegen nur ein paar Sekunden. Ein grelles Licht erhellt global den Himmel, dann folgen Donner und Feuer. Offenbar hat eine technisch weit überlegene außerirdische Macht die Erde angegriffen. Aus dem Schutt der Städte birgt eine Einheit von Militärs und Wissenschaftlern ein paar Dutzend Kinder mit dem Ziel, diese zu Elitesoldaten auszubilden, die eines Tages in der Lage sein werden, gegen die Aliens zu kämpfen.

Die Handlung von „Waisen“ wechselt permanent zwischen zwei Zeitebenen. Auf der einen Ebene werden das überaus harte Training und das Heranwachsen der Kinder geschildert, auf der anderen ihr späterer Einsatz auf dem Heimatplaneten der Aliens, wo sie nicht nur ihr kriegerisches Geschick beweisen müssen, sondern in rätselhafter Weise mehrfach auch mit Phänomenen konfrontiert werden, die auf ihr Leben vor dem großen Knall verweisen.

Trotz der unterschiedlichen Akzente, die sie im SF-Subgenre des postapokalyptischen Comics setzen, besitzen „Gung Ho“ und „Waisen“ einige Gemeinsamkeiten. Auffällig ist, dass hier ein Aufwand, eine Ambition zu registrieren ist, die es früher bei Mainstream-Comics, die sich primär an ein jugendliches Publikum richten, nicht gegeben hat. Die limitierte Vorzugsausgabe von „Gung Ho“ enthält einen Anhang, der zeigt, welch akribische, jahrelange Arbeit der Szenarist Benjamin von Eckartsberg und der Zeichner Thomas von Kummant in dieses Projekt gesteckt haben.

Die Serie soll insgesamt fünf Bände zu je 80 Seiten umfassen und in ungefähr anderthalbjährigem Abstand erscheinen. Noch monumentaler ist der Ansatz von „Waisen“. Hier arbeitet der Texter Roberto Recchioni mit mehreren Zeichnern zusammen. Seit letztem Oktober erscheint in Italien monatlich ein hundert Seiten starker Band, und in diesem Herbst soll ein erster, zwölfteiliger Zyklus abgeschlossen sein.

Postapokalyptische Welt

Mit der angepeilten Zielgruppe geht in „Gung Ho“ und „Waisen“ zudem eine bestimmte Konzeption der postapokalyptischen Welt einher. Sie ist bei weitem nicht so düster wie etwa in „Mutant World“ von Richard Corben oder in der Zombie-Serie „The Walking Dead“. In einer malerischen, vage südländischen Landschaft und an einem See gelegen, erinnert „Fort Apache“ an ein Ferienressort, und die jungen Menschen, die es bevölkern, sind überwiegend so hübsch, dass sie in einer Boy Group oder bei „Germany’s Next Top Model“ mitmachen könnten.

In „Waisen“ ist der Krieg, wie in „Star Wars“ oder „Starship Troopers“, vor allem ein Action-Spaß. Die Postapokalypse ist in diesen Comics weniger Nachtmahr als ein schöner, bunter Traum; sie bietet einen perfekten Platz für die Evasionsfantasien Heranwachsender.

In zeichnerischer Hinsicht lässt sich beiden Serien nichts vorwerfen – außer dass handwerkliche Perfektion hier durchweg ein Maximum an Glätte, an Politur bedeutet. Die Hartnäckigkeit, mit der Thomas von Kummant den Starschnitt-Look seiner Figuren inszeniert, hat etwas leicht Enervierendes, allerdings vermag er auch wuchernde Fauna und die furchterregenden „Reißer“ sehr gut zu gestalten.

„Waisen“ ist grafisch weit weniger spektakulär. Die Serie erscheint im Original im traditionsreichen Bonelli-Verlag, der bislang ausschließlich Schwarz-Weiß-Comics veröffentlicht hatte, darunter die legendäre Westernserie „Tex“. Bemerkenswert ist an „Waisen“ aber die Weichheit und Eleganz des Strichs – denkt man daran, wie steif, wie hölzern realistisch gezeichnete Comics oft wirken, ist dies geradezu eine Erholung fürs Auge.

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