Neue Limonadenmarke „Ände“: Von Limomut und Ferndurst

Der deutsche Markt für Erfrischungsgetränke ist hart umkämpft. Andrea Stenz und ihre beiden Mitstreiter haben es geschafft und verraten ihre Tricks.

Andrea Stenz, Gründerin des Limonadenherstellers, sitzt vor vielen Flaschen

Andrea Stenz: Ihr Vater nannte sie „Ände“ und gab so einer Limonade ihren Namen Foto: Stefanie Loos

Eines wussten Andrea Stenz und Dominik Seele: „Irgendwann wollen wir was Eigenes machen.“ Was Handfestes, nichts Abgehobenes. Es sollte nachhaltig sein, vielleicht sogar die Welt besser machen. Das Eigene sollte auf sie zukommen, und so sei es dann auch gewesen, sagt Stenz. Als es sich ihnen zeigte, ihr Baby, wussten sie sofort: Das ist es. Ihr Baby sind Limonaden.

Limonaden?

Die Herausforderung hätte auch ein wenig kleiner sein können. Denn nachdem Bionade Mitte der Nullerjahre den deutschen Limonadenmarkt aufmischte und vormachte, dass neben Fanta, Cola, Sprite und Schweppes noch Platz für Besseres ist, wird der Markt mit weniger süßen, häufig in Bioqualität hergestellten Limonaden, nun ja: überschwemmt. Und da kommt also im Jahr 2014 ein junges Paar, sie Juristin, damals 34, er Politikwissenschaftler, damals 31, und ist der Meinung, Limonade sei genau das, womit auch sie ihr Glück versuchen wollen.

Schon bald bekommt das Baby einen Namen: „Ände“. Ände ist der Spitzname von Andrea Stenz. Ihr Vater hat ihn ihr gegeben. Vor allem habe er „der Ände“ gesagt. Andrea, der Ände. „Wahrscheinlich hat er sich doch einen Sohn gewünscht“, sagt sie. Jetzt hat er zumindest einen Enkel.

Eine Geschäftsidee ohne Glamour

Fünf Sorten Ände gibt es inzwischen. Angefangen hat es mit zwei Ingwerlimos, eine soft als „Gentle Ginger“, eine schärfer als „Ginger Root“. Dann gibt es noch die Traubenlimo „Limovasi“, die Minz-Zitronensorte „Limo-Nana“, das „Agua fresca Ananas“ und jede Menge Irritation, dass zwei Menschen mit dieser Geschäftsidee, so ganz ohne Glamour, doch reüssieren könnten.

Andrea Stenz trägt gelbe Stoffbeutel in ein Hinterhofbüro im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Gleich wird sie etwas tun, was sie „Umpacken“ nennt. Sie lässt einen Teil ihrer Limonade dort und lädt stattdessen Getränke von anderen nachhaltig produzierenden Start-ups in ihr Auto: Kaffeelimonade, Biere und Spirituosen. Eine weitere Frau tut es Andrea Stenz gleich, beide werden anschließend die Berliner Alnatura-Märkte abklappern. Weil sie aber zwei sind, die die Produkte der anderen dabeihaben, muss jede nur die Hälfte der Märkte aufsuchen. „Ja, das ist eine schöne Kooperation“, sagt Gabriel Grote von Grote Spirits, in dessen Büro das Umpacken passiert.

In alles müsse man sich eben reinfummeln, sagt Andrea Stenz. Die Idee ist das eine, die Umsetzung und der ganze Rattenschwanz, der daran hängt, das andere. Rohstoffe finden, Zusammensetzungen ertüfteln, Kalkulationen erstellen, Hersteller aufspüren, ein Produkt daraus machen. Und wenn es das Produkt gibt, muss es unter die Leute. Dafür braucht es Ideen. Kooperation und nicht Konkurrenz ist so eine Herangehensweise, die sie sich ausgedacht haben. „Für Kooperation brenne ich“, sagt Stenz.

Jedes Unternehmen braucht eine Story. Die von Ände geht so: Andrea Stenz und Dominik Seele lernen sich im Studium kennen. Später arbeitet sie als Juristin in der Seniorenpflege, er bei Refood, einem Unternehmen, das Speiseabfälle weiterverwertet, daraus etwa Biogas macht. Neben ihrer Fernbeziehung treibt die beiden die Frage um: steile Karriere im Unternehmen oder ausscheren? „Sich ein Träumchen erfüllen“, wie Stenz sagt. Auf jeden Fall sparen sie schon mal, auch wenn sie nicht wissen, wovon sie träumen.

Die Erleuchtung kam in Ostafrika

Eine gemeinsame Leidenschaft aber haben sie schon: das Reisen. In Ostafrika sei sie einmal sehr durstig gewesen, erzählt Stenz. „Probier doch Ginger Beer“, schlug Dominik Seele vor, als sie im Supermarkt vor den Getränken standen. Sie: „Da ist doch Alkohol drin.“ Er: „Quatsch.“ Sie probiert und ist begeistert. „Ingwerbier ist in manchen Ländern, was bei uns Apfelschorle ist.“

Auf den Geschmack gekommen, sucht sie auch in Deutschland danach und findet Ingwerbier nicht. Da war es, das Träumchen: „Das ist es!“

Im Jahr 2014 fangen sie an, melden sich beim Fachbereich Brauentwicklung an der Technischen Universität Berlin, sagen, was sie vorhaben, machen einen Forschungs- und Entwicklungsvertrag. Zusammen mit Studierenden wird eine Rezeptur für Ingwerbier ausgetüftelt. „Und immer wieder getestet.“

Nach zwei Jahren scheint ihnen der Geschmack perfekt. Im Jahr 2016 gibt es die erste Abfüllung der Limonade in den zwei Geschmacksrichtungen. Die für Ingwerbier-Einsteiger und die für Fortgeschrittene. Dass auch die Limo für Fortgeschrittene nur moderat ingwerscharf ist, sei der Wirtschaftlichkeit geschuldet. „Es muss viele Menschen erreichen“, sagt Stenz. „Wir überlegen aber hin und wieder eine Special Edition für echte Hardcore-Ingwerfans zu machen.“ Damals ging das noch nicht. Damals machte Dominik Seele das alles noch neben seinem Job. Erst 2018 kündigt er.

Trinken, was ans Anderswo erinnert

Eine Studentin findet dann das Wort, das zu den Ände-Limos passt: „Ferndurst“. Trinken, was ans Anderswo erinnert. Das ist nun Konzept. „Ände hilft bei Ferndurst.“ Man kann nicht immer in das andere Land reisen, aber man kann es schmecken: Die Minz-Zitronenlimo kopiert arabische Vorlieben, die Traubenlimo ist von Schwarzmeerländern inspiriert. „Ich schmecke die Landschaft, die Sonne. In Georgien haben wir Freunde“, sagt Stenz.

Richtig ab geht vor allem die neueste Kreation, die Ananaslimo. Jonas Lackmann, der ein Praktikum bei Ände machte und hängen blieb, stieß in Mexiko darauf. Nicht zu süß und prickelnd, erinnert sie im Geschmack und Mundgefühl sogar an einen leichten fruchtigen Sekt. Weitere Kreationen sind geplant.

Der Prozess von der Idee zur Limo ist lang. Denn alles muss den Ände-Kriterien entsprechen, Bio, Nachhaltigkeit, Mehrweg. Hergestellt werden die Getränke in einer Familienbrauerei in Niedersachsen, die Minze wird in Bayern geerntet, in Berlin extrahiert. Für jede Zutat muss eine Lösung her. Auch die Lieferketten sollen fair sein. Ihr Büro sei eigentlich das Auto, sagt Stenz. Es mache ihr aber nichts aus. „Ich bin ein Draußenkind.“

Ände ist seit 2018 so weit, dass drei Menschen davon leben können. 450.000 Flaschen Limo verkauften Stenz und ihre Mitstreiter im Jahr 2019. Eine kostet 1,49 Euro. Fünf Prozent vom Erlös wird in soziale Projekte gesteckt. Das soll das Gute dieser Limonade unterstreichen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Es sei nicht nur PR, es sei auch Überzeugung, meint Stenz. Unter anderem fördern sie NFTE, eine Organisation, die LehrerInnen in Entrepreneurship ausbilden. Dann das Projekt Start up your Future, das Geflüchtete unterstützt, die etwas gründen wollen. „Es muss“, meint Stenz, „mehr passieren als zu wirtschaften um des Geldes willen.“ So also sind sie rausgekommen in einem umkämpften Markt. „Aber welcher Markt ist nicht umkämpft?“, fragt Stenz zurück.

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