: Neu im Kino im Urschnitt:
■ „Blade Runner“
Die Filmwirtschaft hat eine neue Art der Wiederverwertung alter, erfolgreicher Filme entdeckt: den „Director's Cut“. Die Schnittfassungen der Regisseure, ohne die Veränderungen, die ihnen meist von Produzenten und Studios aufgezwungen wurden. Die werden nun als neue Erstaufführungen einem Publikum vorgeführt, das zum größten Teil die konventionellen Versionen der Filme kennt, oft sogar kultisch verehrt. Die meisten Urfassungen wurden einfach nur gekürzt: David Leans „Lawrence of Arabia“ und Jean — Jacques Beineix' „Betty Blue“ sind jetzt nicht mehr drei, sondern vier Stunden lang. Bei Ridley Scotts „Blade Runner“ sind die Unterschiede zwischen beiden Fassungen aber grundsätzlicher und diffiziler.
Nach verheerenden Testvorführungen nahm Scott selber einige Veränderungen vor. Bei der Reise durch ein Los Angeles der nahen Zukunft wird der Zuschauer in der Studiofassung von einem Erzähler an der Hand genommen, für ein überzogen märchenhaftes Happy End wurden nicht verwendete Aufnahmen aus Stanley Kubricks „The Shining“ drangeklebt und eine winzige Szene wurde herausgeschnitten.
Der Film sollte einfacher zu verstehen sein und nicht so pessimistisch enden, aber gerade die überwältigende, beim ersten Sehen verwirrende Kraft der Bilder sowie die düsteren Stimmungen des Film noir sind letzlich für seinen Erfolg und Kultstatus verantwortlich.
In der Urfassung wirken die Bilder jetzt wie befreit von der alles gleich zuordnenden Stimme des Ich Erzählers und das offene Ende entspricht konsequent den Konventionen des fatalistischen Thrillers der 40er Jahre. Die kleine, geschnittenen Szene (ein Tagtraum Deckards von einem weißen Einhorn) ist dagegen ein Paradebeispiel dafür, wie man mit einem Detail einer ganzen Geschichte eine völlig neue Deutung geben kann.
Der in einer brandneuen Kopie auf großer Leinwand gezeigte Directors Cut des „Blade Runner“ beweist aber auch, daß der Film in zehn Jahren kaum gealtert ist. Während ansonsten im Kino kaum etwas so schnell überholt wirkt wie Zukunftsvisionen, ist das gezeigte Los Angeles des Jahres 2019 erstaunlich aktuell, und Kritiker Danny Peary hat immernoch recht mit seiner Einschätzung: “Was wir im Film sehen ist so erschreckend, weil es wie eine logische Zukunft für uns erscheint.“ Wilfried Hippen
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