: Natur und Tier anerkennen
Der Philosoph Markus Gabriel fordert, die Geisteswissenschaften an der Bearbeitung der Klimakrise zu beteiligen
Markus Gabriel: „Der Mensch als Tier“. Ullstein Verlag, Berlin 2022, 352 Seiten, 22,99 Euro
Von Michael Wolf
Die Klimakrise ist auch eine philosophische Aufgabe. Allerorten arbeiten sich derzeit Denkerinnen und Denker an einer Neuordnung der Verhältnisse von Mensch, Natur, Tier und Technik ab. Man darf Markus Gabriels jüngstes Buch als populärwissenschaftliche Zusammenfassung seiner Positionen in dieser Debatte verstehen.
Er wendet sich in „Der Mensch als Tier“ zunächst gegen das Anthropozän, also die These, der moderne Mensch habe dem Planeten seinen Stempel aufgedrückt. Diese Idee sei nur ein weiterer Ausdruck eben jener Hybris, die unsere Gattung an den Rand der Apokalypse geführt habe. Der Bonner Philosoph lehnt aber auch den aktuell sehr einflussreichen Posthumanismus ab, der dem Homo sapiens seine toxische Menschlichkeit auszutreiben versucht, um ihn in Verwandtschaftsbeziehungen zu anderen Lebensformen und sogar Robotern zu überführen.
Gabriel ist ein konservativer Denker, er fühlt sich einem „Neuen Realismus“, dem „Neo-Existenzialismus“ und der „Neuen Aufklärung“ verpflichtet. Gegenwärtigkeit erfolgt bei ihm durch eine Adaption des Bekannten, die Utopien der Posthumanisten können ihm daher nur verdächtig vorkommen. Er hält sie aber auch gar nicht für notwendig, ist er doch vor allem an der Ethik interessiert, also an der Frage „Was soll ich tun?“, die im posthumanistischen Denken durch das „Was will ich sein?“, also durch ontologischen Ehrgeiz, verabschiedet wird.
Dass der Mensch überhaupt zu ethischen Überlegungen fähig ist, nimmt Gabriel als Beweis, dass es sich bei ihm zwar um ein Tier, jedoch um ein von allen anderen Tieren verschiedenes handelt. Er skizziert im Folgenden selbst eine Ethik, die sich genau dieser Andersheit verpflichtet. Ausdrücklich kritisiert er die Vorstellung, die Natur könnte restlos erforscht werden und damit ihre Fremdheit einbüßen. Auch der Forderung „Follow the science“ erteilt er eine Absage.
„Der Wissenschaft und Technik zuzutrauen, diejenigen Probleme zu lösen, die sie maßgeblich zu verantworten haben, ist ein naiver Irrtum, von dem wir uns dringend befreien müssen.“ Gabriel findet im Technizismus den Hauptschuldigen für Klimakrise und Umweltzerstörung. Er plädiert dafür, Geisteswissenschaftler an den Prozessen zu beteiligen, die bislang den Naturwissenschaftlern allein zufielen. Denn deren Erkenntnisse müssten durch die Neuschöpfung von Werten ergänzt werden.
Der Vorschlag ist nicht schlecht, aber schlecht begründet. Pointiert gesagt, konnte die Welt laut Gabriel nur so vor die Hunde gehen, weil den Ingenieuren und Physikern kein Philosoph auf die Finger geschaut hat. So unterschlägt er die Dialektik einer Aufklärung, die beidem den Weg bereitete – der Fähigkeit zur moralischen Reflexion wie zur Zerstörung.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen