Nationalismus bei Olympia: Plötzlich Italienerin
Die Shorttrackerin Arianna Fontana galt lange als unitalienisch. Nach ihrem Medaillenrekord aber suchte Regierungschefin Giorgia Meloni ihre Nähe.
Die Emotionen des Vortags waren rausgelüftet, all der Schmalz der Darbietungen aus der Halle geputzt und die Eismaschinen hatten all die Tränen, die an einem olympischen Eiskunstlaufabend vergossen werden, sorgfältig in das Eis eingearbeitet. Nach dem Kurzprogramm der Frauen war wieder ein Shorttrack-Abend angesagt im Forum Assago zu Mailand.
Statt um Grazie ging es um Tempo, es ging nicht um Sprünge, sondern darum, bei den irrwitzigen Fliehkräften in den engen Kurven auf der Bahn zu bleiben. Die Musik zwischen den Läufen war laut und voller harter Beats, nichts Klassisches, nichts Liebliches war zu hören. Zwei Wettbewerbe standen an diesem Mittwochabend auf dem Programm, die 500 Meter der Männer und die Staffel der Frauen über 3.000 Meter.
In der wurde fest mit einer italienischen Medaille gerechnet. Regierungschefin Giorgia Meloni hatte sich eingefunden und wurde von Giovanni Malagò, dem Chef der Organisationsstiftung der Spiele, auf diesen Weiheabend des italienischen Sports vorbereitet. Dessen Hauptdarstellerin war Arianna Fontana. Die hatte sich zusammen mit Chiara Betti, Elisa Confortola und Arianna Sighel für das Staffelfinale der besten vier Quartette qualifiziert und lief tatsächlich als zweite hinter den Südkoreanerinnen über den Zielstrich. Es war ihre 14. olympische Medaille. Eine mehr als der bisherige Rekordhalter, der Fechter Edoardo Mangiarotti, der zwischen 1936 und 1960 13 Edelmetallplaketten gesammelt hatte.
Am Ende suchte Meloni natürlich die Nähe der vier Eisschnellläuferinnen, die brav mit ihr für Fotos posierten. Und weil es ja ein großer italienischer Abend war, deutete die Nationalistin ganz Großes an. „Der Rekord von Fontana hat mich inspiriert. Olympische Sommerspiele – mal sehen. Eins nach dem anderen“, sagte sie und eroberte mit diesem Satz die Schlagzeilen der Sportseiten. Dass sich Italien eigentlich nur für die Winterspiele beworben hatte, weil die zahlreichen Versuche, Rom noch einmal zum Gastgeber von Sommerspielen zu machen, gescheitert waren, ist die Geschichte hinter diesen Schlagzeilen.
Neue Nationalheldin
Doch für Wundenlecken war an diesem Abend kein Platz. Italien hatte eine neue Nationalheldin. 2006 in Turin hatte sie ihre erste Olympiamedaille gewonnen – Bronze, ebenfalls in der Staffel. Danach kamen über die Jahre noch sechs Silber- und drei Goldmedaillen hinzu. Eine davon hat sie vor einer Woche in Mailand als Teil der Mixedstaffel gewonnen.
Ausgerechnet danach war sie von einem, der mit ihr zu Gold gelaufen war, als unitalienisch bezeichnet worden. „Sie trainiert seit acht Jahren im Ausland, sie hat sich dafür entschieden. Ein Team sind wir ganz sicher nicht, abgesehen von den zweieinhalb Minuten auf der Bahn“, sagte Pietro Sighel und wollte wohl etwas auslösen, das man hierzulande am besten mit dem Wort Wohnortdebatte beschreiben kann.
Nach dem Medaillenrekord und dem Handschlag mit Meloni wird nun wohl Schluss sein mit der Frage, ob sie italienisch genug ist. Ihre Sonderstellung als Einzelgängerin im Team, die mit ihrem Mann Anthony Lobello Jr. in den USA lebt und trainiert, wird der 35-Jährigen keiner mehr streitig machen.
Dass sie 2019 zwei Teamkollegen angezeigt hatte, weil sie der Meinung war, die hätten sie im Training absichtlich zu Fall gebracht, wird allerdings auch immer zu ihrer Geschichte gehören. Was Pietro Sighel dazu gebracht haben mag, den Fall, der juristisch ohne Folgen für die Angezeigten blieb, ausgerechnet bei den Spielen von Mailand noch einmal anzusprechen, wird man wohl so schnell nicht erfahren. Arianna Sighel, Pietros ältere Schwester, die Teil der versilberten 3.000-Meter-Staffel war, sagte dazu auch nichts.
Sturz nach Körperkontakt
Ihr Bruder hatte auch seinen Auftritt an diesem Abend. Im Halbfinale des 500-Meter-Wettbewerbs stürzte er nach einem Körperkontakt mit dem Kanadier Maxime Laoun. Als die Wiederholung der Szene auf den Videowänden in der Halle gezeigt wurde, tobte das Publikum. Die meisten waren sich sicher, dass Laoun den Italiener absichtlich abgedrängt hatte.
Doch die Jury bewertete das Video anders, was die Halle ein weiteres Mal zum Brodeln brachte. Sighel, der in Peking vor vier Jahren Silber und Bronze gewonnen hatte, war derart bedient, dass er zum B-Finale gar nicht erst antrat. Alle Proteste der Italiener halfen nichts, die Entscheidung stand. Ein VAR-Moment bei diesen Spielen. Olympiasieger wurde dann der Kanadier Steven Dubois. Doch für den interessierte sich in dieser italienischen Nacht kaum jemand. Die ganze Aufmerksamkeit gehörte Arianna Fontana.
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