Naomi Klein in Kreuzberg: Die Evangelistin und ihre Fans

Bei der Verkaufstour für ihr neues Buch inszeniert sich Naomi Klein als mutige Aufklärerin. Den Berlinern scheints zu gefallen: Nur den ganz Linken ist die Globalisierungsikone nicht radikal genug.

Der linke Star: Naomi Klein Bild: Reuters

Die Stimmung ist gut in der Skalitzer Straße. Mehr als 200 Menschen drängen sich im überfüllten Festsaal Kreuzberg. Naomi Klein ist gekommen, um ihr neues Buch vorzustellen. Der Vorläufer, "No Logo", wurde häufig als Bibel der Globalisierungskritiker bezeichnet. Klein müsste also so etwas wie die Evangelistin sein, deren neue Botschaft sehnlichst erwartet wird.

Schon allein die hohe Zahl der Zuhörer ist ein Erfolg für das linksradikale Grüppchen Fels (Für eine linke Strömung), das zur Mobilisierung für die Veranstaltung nur wenige Tage Zeit hatte. Aber Naomi Klein ist eben ein Magnet. Ihr neues Buch "Die Schock-Strategie" hat es auf Anhieb auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Es ist ihr zweiter Termin hier in Berlin. Am Montag ist sie bereits in einer großen Buchhandlung in der Friedrichstraße aufgetreten. Und Klein versteht es bestens, ihren Vortrag auf das jeweilige Publikum abzustimmen.

Nur in Kreuzberg erzählt die Kanadierin zum Beispiel die Geschichte von der Konferenz in New Orleans, auf der sich unter anderem Flutopfer aus jener Stadt mit asiatischen Tsunami-Opfern getroffen hatten. Beide Gruppen hatten schlechte Erfahrungen mit dem staatlichen Katastrophenmanagement gehabt. Klein sagt, dass es die Kreuzberger Anwesenden sicher freuen werde zu hören, was der kleinste gemeinsame Nenner der Flutopfer gewesen sei: "Traue niemals deiner eigenen Regierung." Der Saal johlt in die inzwischen stickig gewordene Luft hinein.

Wie überhaupt viele Thesen Kleins auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Der Neoliberalismus sei ein Modell, das bei einer unbeeinflussten Abstimmung nie eine Mehrheit bekommen würde? Beifall! Die Vortreiber des Neoliberalismus hätten daher gezielt gesellschaftliche Schockzustände etwa nach Katastrophen wie dem 11. September 2001 ausgenutzt, um ihre Agenda durchzusetzen und eine 200 Milliarden Dollar schwere, von Anfang an privatisierte Heimatschutzindustrie zu schaffen? Applaus!

Für Betroffenheit sorgt jedoch zunächst der sechseinhalbminütige Kurzfilm zum Buch, der die Thesen Kleins anschaulich macht. Der Film beginnt in einer Psychiatrie der Fünfzigerjahre, in der Menschen mit Elektroschocks gequält werden und zu willenlosen Kreaturen degenerieren. Es folgen Auszüge aus Material der CIA, in dem erklärt wird, wie man Menschen am besten von der Außenwelt abschneiden und durch Folter gefügig machen kann. In schnellen Schnitten folgt jetzt der Vergleich zwischen einem einzelnen gefolterten Menschen und einer von einem Desaster getroffenen Nation.

Mit großen Augen schauen die Zuschauer auf die Leinwand und erfahren, dass solche Katastrophen von demokratisch gewählten Politikern ausgenutzt werden - wenn diese die Katastrophen nicht sogar selbst inszenieren - um anschließend die Wirtschaftsreformen gegen den Willen der in einen Schockzustand versetzten Bevölkerung durchzupeitschen. Ohne dies wäre der Kapitalismus nie so weit gekommen wie heute, schlussfolgert Klein. "Die Leute, die uns dagegen das Märchen erzählen, wir hätten uns frei für den Neoliberalismus entschieden, laufen immer noch draußen herum. Das Problem ist nun: Wenn man diese Kriminellen nicht fasst, werden sie rückfällig."

In der folgenden offenen Diskussion mit gut zehn Wortmeldungen kommt von vielen Seiten Lob für Naomi Klein - aber es zeigt sich auch Sorge. "Musst du jetzt um dein Leben fürchten?", fragt eine Zuschauerin etwa. "Nicht mehr als jeder andere Aktivist auch", beruhigt Klein.

Und dann gibt es auch Kritik an Kleins Thesen - von links. Vielen gehen ihre Forderungen nicht weit genug. "Auch ein abgemilderter Kapitalismus ist immer gewalttätig", wirft der Moderator ein. "Menschen müssen ihre Arbeitskraft verkaufen und Eigentum wird mit Gewalt verteidigt. Warum trittst du nicht für die Überwindung des Kapitalismus ein?"

Einer der Zuschauer wendet ein, dass der Sozialismus in der Sowjetunion nur unzureichend verwirklicht worden sei. Ob sie nicht der Meinung sei, dass man das einmal konsequent umsetzen müsse? Klein antwortet, dass sie eher ein gemischtes Modell bevorzugt. Als Vorbilder nennt sie etwa Chiles Expräsidenten Salvador Allende, die polnische Solidarnosc von 1989 oder den südafrikanischen ANC von 1994.

Schließlich beschwert Klein sich noch über die Artikel, die in den letzten Tagen und Wochen über ihr neues Buch und ihre Verkaufstour veröffentlicht wurden. Tatsächlich ist sie in vielen dieser Texte nicht gut weggekommen. Die Londoner Times sprach davon, dass Klein überall Verschwörungen wittere und ihre Thesen "über die Grenzen der Vernunft hinausgehen". Die National Post aus Kleins Heimat Kanada sah in der Promotiontour für ihr Buch einen "weltweiten Werbe-Blitzkrieg". Und Zeit-Redakteur Thomas Fischermann hatte Klein in einem Interview sogar gefragt: "Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?"

Klein bekennt im Festsaal, der sich zu vorgerückter Stunde schon langsam leert, dass sie vor allem der Vorwurf ärgert, sie verbreite Verschwörungstheorien. Dabei habe sie doch alles so gut recherchiert und durch Fakten belegt. Im Publikum diskutiert eine Gruppe nun, was denn eine Verschwörungstheorie ausmacht. Ist es das nicht bereits, wenn jemand glaubt, dass die politischen und wirtschaftlichen Führer vieler Länder eine geheime Agenda haben, um am Willen des Volkes vorbei unpopuläre Reformen durchzusetzen? Oder ist eine Verschwörungstheorie nur, wenn es um Freimaurer oder andere institutionalisierte Geheimbünde geht?

Um negative Presse in Zukunft zu vermeiden, setzt Klein nun auf verschärfte Medienbeobachtung und unterschwellige Drohungen. Im Gespräch mit der taz erklärt sie: "Ich bin die Lügen leid, die in der Presse über mich verbreitet werden. Von allen Artikeln über mich lasse ich mir eine Zusammenfassung übersetzen. Also passen Sie auf, was Sie schreiben!", sagt sie in scharfem Ton.: "Passen Sie auf!"

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