■ Nachschlag: Tolle Vorleserin – Siri Hustvedt im Podewil
Siri Hustved Foto: Thomas Seufert
Im Clubraum des Podewil bestaunen etwa hundert Menschen einen merkwürdig schrillen Miniatur-Blumenschmuck auf der Bühne, fürchten sich ein bißchen vor dem unfreundlichen Türsteher und plaudern. Man wartet auf Siri Hustvedt, Schriftstellerin aus New York, die an diesem Wochenende gleich zweimal in Berlin liest.
Was teilt man über Frau Hustvedt mit? Daß ihr letzter Roman „Die Verzauberung der Lily Dahl“ ein verschachteltes Buch über eine Kleinstadtparanoia in Minnesota, das Stottern der Semiotik und die Emanzipation einer Kellnerin ist? Wurde bereits gesagt.
Vielleicht, daß sie eine schöne Frau ist? Ist sie, schreibt man aber nicht. Oder gar, daß sie mit Paul Auster verheiratet ist? Fällt auch aus, ebenfalls wegen so etwas wie journalistischer Ethik: Die Lektüre der zahlreichen Siri-Porträts und Siri-Interviews zeigt, daß diese Tatsache zwar höllisch interessant, aber nicht wirklich wichtig ist.
Plötzlich sitzt sie da, hinter dem knallrosa Primelkorb. Dann steht sie auf und liest. Besser: Sie legt los. Siri schnurrt, gurrt, säuselt und beginnt mit der wilden Striptease-Szene aus dem ersten Kapitel der „Verzauberung“: Lily verführt von ihrem Zimmerfenster aus einen Maler – der Anfang einer erotisch hochgepuschten Mischung aus Smalltown-Novel, David-Lynch-Drehbuch und Mitmach-Krimi.
„I'm bad“, haucht Siri Hustvedt ins Mikro und verwandelt sich für ein paar Sätze lang in die Marilyn-Monroe-Imitation, die Lily so gerne wäre. Ich liefere mich willig dem Strip aus und verwandele mich schließlich mit dem ganzen Publikum in eine Tennistribüne. Unisono drehen wir die Köpfe von links nach rechts: „Der BH ... flog höher und weiter, als sie vorgehabt hatte. Im Fallen blieb er am Aus- Knopf des Fernsehapparates hängen, und dort baumelte er nun, einen halben Meter über dem Boden. Lily starrte auf den BH. Er war grau. Ich muß in den Waschsalon, dachte sie.“ Am Schluß die Ernüchterung. Mein rotes Notizbuch ist immer noch leer, und ich traue mich nicht, nach Paul Austers neuem Filmprojekt zu fragen. Dafür sagt ein junger Cineast, daß ihn die Minnesota-Geschichte um „Lily Dahl“ an den Film „Fargo“ erinnert habe. Er darf erleben, wie Frau Hustvedt sich von der tollen Vorleserin zurück in die leicht genervte Schriftstellerin verwandelt: „Well, it's the same place of the world.“ Das schreibe ich mir auf. Kolja Mensing
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