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■ Hat der Osten seine Sprache wiedergefunden?Nach der Angst – die Wut

Die IG Metall kann mit der Streik-Premiere im Osten zufrieden sein. Mehr als 50.000 Streikunerfahrene sind auf die Straße gegangen, um für die ihnen vertraglich zustehenden Tarife zu kämpfen. Bis zuletzt hatten die Unternehmer mit der Angst der Leute spekuliert. Der Verhandlungsführer der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie, Hans Peter Münter, forderte wiederholt von der Gewerkschaft, „auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren“. Doch eben diese Tatsachen haben ganze Betriebsbelegschaften ihre Angst vergessen lassen. Sie sind nicht länger bereit, die ständig weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Osttarifen und Westpreisen mit Einheitseuphorie auszufüllen. Unter den Streikenden jedenfalls war weniger die Angst zu spüren als deren Wut.

Bei diesen Warnstreiks geht es nicht nur um die nächste Lohntüte. Zur Diskussion steht die gesamte verfahrene Einheits-Politik, die mit blumigen Wahllügen begann und nun über einen „Solidarpakt“ notbeatmet werden soll. Es gehört schon einige Arroganz dazu, gerade den Arbeitern im Osten vorzuwerfen, ihre Betriebe „kaputtzustreiken“. Wann immer Betriebe in den letzten drei Jahren zum Gnadenschuß antreten sollten, waren es deren Belegschaften, die sich vor Werkstore stellten, Presse und Politiker alarmierten, sich mit Geschäftsführungen und Treuhand anlegten. Ohne solche Aktionen würde es heute keinen Öko-Kühlschrank aus Scharfenberg, keinen Edelstahl aus Freital und wird es ab 15. April auch keinen Mähdrescher aus Singwitz mehr geben.

Der Osten hat seine Sprache wiedergefunden. Die berechtigte Angst wegzustecken und Einigkeit zu zeigen, das war aber auch ein Vertrauensvorschuß an die Gewerkschaft. Die sächsische IG Metall hat bereits Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Vorausgesetzt, der Angriff auf die Tarifautonomie kommt vom Tisch, würde sie über die letzte Stufe des Tarifvertrages, Angleichung der Löhne und Gehälter bis 1994, verhandeln wollen. Das erwarten die KollegInnen auch. Doch mit Verteilungskämpfen allein ist keine Wirtschaft zu machen. Die gelungene Streik-Premiere, das war auch der Auftrag an die Zentralen in Dresden und Frankfurt, sich klarer in die Wirtschaftspolitik dieser Republik einzumischen. Detlef Krell

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