: Nach Knast mit Aids auf der Straße
■ Unerträgliche Situation für HIV-positive Gefangene/ Insassenvertretung fordert Aids-Symposium im Knast
Berlin. Sieben Tage, nachdem er aus mehrjähriger Haft entlassen worden war, beging Andreas Z. (Name von der Redaktion geändert) gleich wieder eine Straftat: Mit einer Spielzeugpistole versuchte er in Kreuzberg eine Bank zu überfallen. Der Überfall wurde jedoch nicht ernst genommen.
Andreas Z. entkam, stellte sich aber zwei Tage später freiwillig auf einem Polizeirevier. Jetzt sitzt er wieder in U-Haft und wartet auf seinen Prozeß, der in der kommenden Woche stattfinden soll.
Dieser Fall wurde jetzt von der Tegeler Gefangenen-Insassen-Vertretung (GIV) öffentlich gemacht. Der GIV war nicht verborgen geblieben, daß ihr langjähriger Tegeler Mitinsasse Andreas Z. HIV-positiv ist und schon während seiner Haftzeit zunehmend an Symptomen des Aids-Krankheitsbildes litt. Andreas Z., so die Vermutung der GIV, habe den Banküberfall in Wirklichkeit nur »vorgetäuscht«, um wieder in den Knast zu kommen. »Er weiß wohl, daß er nicht mehr lange zu leben hat und dann lieber ‘versorgt‚ auf den Tod wartet«, erklärte der Sprecher der GIV, Werner F., gegenüber der taz.
Das Wort »versorgt« verwendet Werner F. ganz bewußt in Anführungszeichen. Der Grund: Die Versorgung der HIV-positiven Gefangenen ist in den Knästen alles andere als optimal. So beklagt die GIV schon lange, daß die HIV-Positiven keine ausreichende, ihrem Zustand entsprechende, soziale Betreuung bekommen und auf die Entlassung so gut wie gar nicht vorbereitet werden. Unabhängig davon fordert die GIV immer wieder die Vergabe von sterilen Spritzen im Knast, weil nur so die HIV-Infektionsgefahr eingedämmt werden könne.
Wie mehrfach berichtet, injizieren sich viele Gefangene harte Drogen. Der ärztliche Leiter des Haftkrankenhauses, Rex, sprach vor geraumer Zeit von rund 500 drogenabhängigen Gefangenen. Die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher. Weil die Vergabe von Spritzen laut §29 des Betäubungsmittelgesetzes (BTMG) offiziell verboten ist, teilen sich bis zu 15 Gefangene eine alte, vergammelte »Pumpe«. Nach Schätzung der Berliner Aids-Hilfe sind in den Berliner Haftanstalten bis zu 300 Insassen HIV-positiv oder bereits leicht an Aids erkrankt. Einige Gefangene haben das Aids-Vollbild erreicht und befinden sich ständig im Haftkrankenhaus.
Die Senatsverwaltung für Justiz gründete vor einem Jahr eine Arbeitsgruppe zum Problem Aids im Knast, die auch die Vergabe von sterilen Spritzen prüfen soll. Nach Angaben von Justizsprecherin Burghart ist die Kommission bislang jedoch noch zu » keinem Ergebnis« gekommen. Die GIV, die die unerträglichen Zustände in Tegel täglich vor Augen hat, will jedoch nicht mehr länger tatenlos abwarten. Sie forderte die Senatsverwaltung für Justiz jetzt in einem Schreiben auf, ein Symposium zum Thema »Aids, HIV und Rauschgift in Tegel« zu genehmigen. Gleichzeitig wurde um Zusendung einer Liste der Teilnehmer der Aids-Kommission gebeten, um diese zum Symposium einladen zu können. Auf Anfrage der taz erklärte Justizsprecherin Burghart, die Senatsverwaltung sei bezüglich eines Symposiums »nicht abgeneigt«. Näheres solle bei dem kommenden Treffen zwischen Anstaltsleitung und GIV Anfang April in Tegel erörtert werden.
Auch der Mitarbeiter der Berliner Aids-Hilfe, Gerd Wüst, hat festgestellt, daß sich der Gesundheitszustand der HIV-positiven Gefangenen »insgesamt drastisch verschlechtert hat«. Er führt dies unter anderem auf den fortdauernden Drogenkonsum zurück und darauf, daß sich die Gefangenen in einem sehr schlechten psychischen Zustand befänden. Die infizierten Insassen realisierten immer mehr, wie ausweglos ihre Situation sei. Die bittere Erkenntnis, irgendwann an Aids zu erkranken, versuchten viele Insassen zu verdrängen, indem sie noch stärker harte Drogen konsumierten, die im Knast nach wie vor reichhaltig vorhanden seien. Hinzu komme die Angst vor der Entlassung: »Früher gab es noch Kumpel, wo sie hin konnten, jetzt ist der Kampf der Szene viel härter geworden«, weiß Wüst. »Die Chancen draußen sind gleich Null. Die große Wohnungsnot bedeutet für die Leute, daß sie buchstäblich auf der Straße sitzen.« Plutonia Plarre
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