: Mythen helfen nicht gegen Rechte
■ Diskussion über die Thesen Eberhard Seidel-Pielens bei DGB-Veranstaltung/ Diffuses Weltbild ist noch kein Rechtsradikalismus/ Neues Feindbild: Skinheads
Tiergarten. Wenn in Deutschland 14 Prozent der WählerInnen rechtsradikale Parteien wählten, sei das kein Anlaß zur Panik, sondern ein Schritt hin zur europäischen Normalität. Nicht nur mit dieser These stieß Eberhard Seidel-Pielen, Mitautor des Buches »Krieg in den Städten«, auf ein geteiltes Echo bei den 200 Gästen der DGB-Diskussionsveranstaltung »Rechtsradikalismus — (k)ein ostdeutsches Jugendphänomen?«.
Jung- und Erstwähler, die sich etwa für die »Republikaner« entschieden, brächten damit auch einen emanzipatorischen Aspekt zum Ausdruck, so Seidel-Pielen. Der in den siebziger Jahren beschworene »wasserdichte gesellschaftliche Konsens« gegen Ausländerhaß, Antisemitismus und Rassismus sei von nicht wenigen als Bevormundung empfunden worden. Seidel-Pielen forderte, rassistische und neonazistische Gewalttaten konsequent strafrechtlich zu verfolgen. Es sei aber grundfalsch, die ausländerfeindlichen Parolen und das rechtsnationale Gedankengut vieler Jugendlicher vorschnell der neonazistischen Szene zuzuordnen. »Dahinter verbergen sich oft antibürgerliche Protestimpulse, die einen Mangel an Orientierung innerhalb der modernen Gesellschaft zu kompensieren suchen.« Die Jugendlichen beklagten den Mangel an gelebter Solidarität und das unterentwickelte soziale Engagement des Staates. Die Verunsicherung angesichts der Vielfalt sozialer Lebensformen führe zu einem moralischen Asketismus, der auch Spielcasinos, Prostitution und Homosexualität als dekadent verurteile. Seidel-Pielen warnte ausdrücklich davor, mit den Skinheads ein neues Feindbild aufzubauen. Ihre 16jährige Tochter gehöre zu einer Gruppe, die ausländerfeindlichen Parolen anhänge, aber nicht rechtsradikal oder neonazistisch sei, stimmte ÖTV-Mitglied Ute H. aus Marzahn zu. Bis vor einem Jahr sei die Jugendliche mit einem Türken liiert gewesen. Sie habe dem Druck ihrer Clique nachgegeben, die sie mit »Türkenhure« beschimpft habe und recke jetzt nach Erreichen eines gewissen Alkoholpegels die Hand zum »deutschen Gruß« und singe das Deutschlandlied. Das habe aber vor allem mit den täglichen Frustrationen, denen die Jugendlichen in dem trostlosen Wohngebiet ausgesetzt seien, zu tun.
Gleichwohl sei die Suche nach Identität und nach Geborgenheit in einer Gruppe ein Ansatzpunkt für neonazistische Organisationen, erklärte Seidel-Pielen. In Lichtenberg sei beispielsweise eine diffuse Szenerie von Hooligans von Mitgliedern der westdeutschen »Gesinnungsgemeinschaft der neuen Front« zu straff organisierten »Kameradschaften« umorganisiert worden. Neben ideologischen Schulungen sei für geselliges Zusammensein gesorgt, mit deutschem Liedgut und Zeltlagern.
Die Bedürfnisse der Jugendlichen dürften nicht abgewiegelt werden, nachdem die Jugend vor allem in Ostdeutschland in einer desolaten Situation sich selbst und damit rechten Agitatoren überlassen worden sei. Jeder Weg, der ihnen helfe, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sei in jedem Fall zu begrüßen. Mit Blick auf die Auseinandersetzungen um rechtsradikal vorbelastete Sozialarbeiter in ehemaligen Jugendclubs forderte der Autor: »Der inhaltliche Minimalkonsens müssen die Menschenrechte bleiben.« cor
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