Muslimische Seelsorgerin über ihr Wirken

„Wir machen nicht viel anders“

Mona Al-Masri spricht mit Muslimen in seelischen Ausnahmezuständen. Es ist eines von insgesamt acht Ehrenämtern, die sie übernommen hat.

Mona Al-Masri sitzt auf einem Sofa.

Bekommt nach wie vor vermittelt, eine Fremde zu sein: Mona Al-Masri Foto: Markus Hörster

taz: Frau Al-Masri, haben Sie selbst jemals einen Seelsorger gebraucht?

Mona Al-Masri: Nein, wenn ich trauere, möchte ich allein sein. Nach dem frühen Tod meiner Mutter gab es Zeiten, wo ich unglaubliche Sehnsucht nach ihr hatte. Dann habe ich die Briefe und Bilder rausgeholt, geweint und mit ihr gesprochen. Das hat mir gut getan. Bisher hat mir dabei ein Seelsorger nie gefehlt. Vielleicht merke ich aber irgendwann, dass ich jemanden brauche.

Würden Sie dann mit einem Muslim sprechen wollen?

Ich glaube, ich bin da sehr offen. Es gibt sicherlich Situationen, in denen mich ein muslimischer Seelsorger besser verstehen könnte. Aber in erster Linie ist ein Seelsorger ein Mensch, und es geht darum, mit einem Menschen zu sprechen.

Warum haben Sie selbst eine Ausbildung zur muslimischen Seelsorgerin gemacht?

Ich lebe seit 37 Jahren hier in Braunschweig und bemühe mich, mich in die Gesellschaft einzubringen. Ich bin politisch, sozial und interreligiös in acht ehrenamtlichen Posten aktiv – und schon lange in der muslimischen Gemeinde. Als das Konzept der muslimischen Seelsorge von Hannover nach Braunschweig kam, konnte ich nicht Nein sagen, obwohl es eigentlich ein ungünstiger Zeitpunkt für mich war.

Warum?

54, wurde in Syrien geboren, lebt aber seit 37 Jahren in Braunschweig. Sie arbeitet mehrmals im Monat ehrenamtlich als muslimische Seelsorgerin in einem Krankenhaus. Das ist ein Projekt des muslimischen Landesverbands Schura in Niedersachsen.

Ich hatte gerade acht Mitglieder meiner Familie, die aus Syrien geflüchtet waren, bei mir zu Hause aufgenommen. Aber ich war neugierig und wollte gerne helfen.

Nun arbeiten Sie als Seelsorgerin in einem Krankenhaus. Wie sieht ihre Arbeit dort aus?

Das ist unterschiedlich, je nachdem, ob ich zu regelmäßigen Besuchen da bin, oder für einen Notfall angerufen werde. Die sind am härtesten und mit viel Leid und oft mit dem Tod verbunden. Ein Fall, der mir unter die Haut gegangen ist: Ein Familienvater war verstorben und seine ganze Familie war da. In der Nacht waren es die Enkelkinder, die am meisten geweint und geschrien haben, die Nervenzusammenbrüche hatten.

Wo fangen Sie dann an?

Ich frage, wer die engsten Familienmitglieder sind und wer dem Patienten am nächsten stand. Wenn ein Mann gestorben ist und seine Frau dabei ist, dann spreche ich meistens zuerst mit ihr. Häufig verliert der eine oder andere auch die Kon­trolle über sich und fällt mehr in die Trauer hinein – auch diese Menschen versuche ich zu betreuen.

Und wie erfahren Sie, ob überhaupt jemand mit Ihnen sprechen möchte?

Zweimal monatlich gehe ich ins Krankenhaus und bekomme eine Liste der Patienten, die bei der Aufnahme angegeben haben, dass sie Muslime sind und vielleicht mit einem Seelsorger sprechen möchten. Wenn ich auf die Zimmer gehe, wollen manche gerne mit mir sprechen, andere sagen, sie hätten keinen Bedarf. Diese Art der Seelsorge ist in der islamischen Kultur noch nicht groß verbreitet: Eigentlich ist die Familie für die Kranken verantwortlich. In meiner Heimat Syrien ist Tag und Nacht ein Familienmitglied dabei, wenn jemand im Krankenhaus liegt.

Belasten Sie die Gespräche?

Ich tue mich mit dem Tod schwer, seitdem ich meine Mutter verloren habe. Sie war jung, ich war selber jung. Als ich begonnen habe, als Seelsorgerin zu arbeiten, wurde ich immer wieder daran erinnert. Es hat mich Überwindung gekostet, Zimmer zu betreten, in denen tote Menschen lagen. Aber irgendwann musste ich damit leben. Über solche Erlebnisse aus unseren eigenen Biografien haben wir auch in der Ausbildung gesprochen.

Wie wurden Sie ausgebildet?

Zunächst wurden wir von einer evangelischen Pfarrerin und einem Pfarrer ausgebildet. Für den islamischen Teil war die Schura Niedersachsen …

… der Landesverband der Muslime …

… zuständig. In der Gruppe haben wir uns viel ausgetauscht, etwa darüber, wie wir verschiedene Bilder oder Gegenstände interpretieren: Eine Kerze bedeutet für manche Licht und Erleuchtung, für andere die Hölle. Und natürlich haben wir auch über Seelsorge-Techniken und Kommunikationsarten gesprochen.

Was machen Sie anders als christliche Seelsorger?

So viel machen wir glaube ich nicht anders. Natürlich versuche ich den Patienten zu stärken und in die Grundlagen des Islam zu gehen – aber der Islam ist facettenreich, so wie das Christen- oder Judentum auch. Einmal hat mich eine Frau gebeten, Bittgebete und Koranverse zu lesen, nachdem ihr Mann einen Schlaganfall hatte. Das habe ich dann sechs Stunden lang gemacht. Aber viele Patienten wollen auch einfach darüber sprechen, wie es ihnen geht. Wie religiös jemand ist, kann ich ja nicht sehen. Also muss ich mich langsam herantasten und nach dem Patienten richten.

Betreuen Sie nur Muslime?

Theoretisch schon. Während der Ausbildung hatten mich die Schwestern auf einer Station gebeten, mit einem Patienten zu sprechen – sie waren sich nicht sicher, ob er Muslim ist. Als ich mich auf Arabisch vorgestellt habe, sagte er, er sei Jeside, nicht Muslim. Die Seelsorge hat er abgelehnt, mich aber gebeten, für ihn zu übersetzen. In dem Moment bin ich eigentlich nicht Dolmetscherin, aber ich habe dann geholfen, soweit ich kann.

Betreuen Sie gleichermaßen Männer und Frauen?

Eigentlich ja, wobei das am Ende die Patienten entscheiden müssen. Dass ein Mann nicht mit mir sprechen wollte, weil ich eine Frau bin, ist noch nie passiert. Allerdings musste ich mal für einen Kollegen einspringen: Eine Patientin wollte über bestimmte Themen lieber mit einer Frau sprechen.

Sind Sie gläubig?

Natürlich, das sieht man auch an meinem Erscheinungsbild. Ich bete regelmäßig und versuche meinen Glauben jeden Tag zu leben. Aber bei der Seelsorge lasse ich mich auf die Patienten ein. Das ist auch ein Grundsatz im Islam: Kein Zwang im Glaube. Ich versuche bei der Betreuung, erst einmal die Seele sprechen zu lassen.

Sie haben auch Kinderbücher geschrieben. Geht es dabei um den Islam?

Darin möchte ich die Interreligiösität in der Gesellschaft darstellen. Ich weiß von meinen eigenen Kindern, wie es ist, wenn die Festtage kommen und die Schulkameraden nichts darüber wissen und nicht verstehen, wieso die muslimischen Kinder fehlen. Das Buch „Festkekse“ ist ein Buch über den Ramadan. Ich erkläre darin das Fasten im Islam und im Christentum und versuche, eher auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede einzugehen. Die Kinder sollen wissen, dass uns mehr verbindet, als uns trennt.

Sie machen das alles nebenbei, sind aber von Beruf aus Sozialwissenschaftlerin.

Momentan arbeite ich aber nicht in diesem Bereich – unter anderem auch, weil es durch mein Kopftuch sehr schwierig ist, eine Stelle zu bekommen. Als Kind wollte ich immer Rechtsanwältin werden und für Frauenrechte kämpfen.

Warum kam es anders?

Mit 17 bin ich nach Braunschweig gekommen. Eigentlich wollten mein Mann und ich nur zwei Jahre bleiben – und ich danach die Schule beenden und studieren. Als 1982 die Unruhen in Syrien anfingen, hat sich die Rückkehr in unsere Heimatstadt Hama aber verschoben. Ich habe hier zwei Kinder bekommen und mich dann entschieden, hier die Schule abzuschließen. Danach fing ich an, weil es in Braunschweig kein Jura gab, Sozialwissenschaften zu studieren. Seit Anfang dieses Jahres bin ich Hauptschöffin am Amtsgericht – ein bisschen Jura also doch.

Also haben nicht all Ihre Ehrenämter mit Ihrer syrischen Herkunft zu tun?

Nicht unbedingt, wobei ich durch das Kopftuch trotzdem immer in Verbindung damit gebracht werde. Und wenn ich mich mit Kulturen beschäftige – durch meine Tätigkeit im Vorstand im Haus der Kulturen – geht es auch um meine eigene Identität. Auch um die deutsche, mit der ich mich mittlerweile identifiziere. Und Interreligiösität war auch in Syrien schon ein Thema.

Inwiefern?

Ich bin in einer christlichen Gegend groß geworden, wir haben mit unseren christlichen Nachbarn deren Feste gefeiert, und sie mit uns unsere. Die religiösen Unterschiede haben wir nicht gelebt. In der Schule waren wir zur Hälfte Muslima und zur Hälfte Christinnen und alle ein Herz und eine Seele.

Was motiviert Sie, weiterzumachen?

Ich bin keine Person, die einen geraden Weg geht. Ich habe gemerkt, dass ich immer gerne unter Menschen bin – ob als Dolmetscherin, Seelsorgerin oder Flüchtlingsbegleiterin. Das erfüllt mich. Wenn ich sehe, dass jemand Hilfe braucht, ist es mir wichtig, nicht Nein zu sagen. Inzwischen könnte ich nicht mehr damit aufhören, ich werde das bis an mein Lebensende machen.

Hat das mit Ihrem Glauben zu tun?

Der Glaube fordert von uns, dass wir Menschen helfen. Aber ich denke, das ist auch meine natürliche Neigung. Wieso sollte ich nicht von mir aus helfen, wenn ich es kann?

Werden Ihnen die Ehrenämter und die Probleme anderer manchmal zu viel?

Wenn ich Enttäuschungen erlebe, ja. Ich kämpfe den ganzen Tag und setze mich für Menschen ein. Ich will nichts Materielles dafür, nicht einmal große Anerkennung. Aber ich möchte schon das Gefühl haben, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Stattdessen bekomme ich immer noch das Gefühl, dass ich eine Fremde bleiben soll. Dann denke ich manchmal, dass ich das nicht mehr möchte. Ich engagiere mich, auch weil ich mich als Teil dieser Gesellschaft betrachte. Ich helfe ja nicht nur Menschen aus meinem eigenen Kulturkreis, und trotzdem gehöre ich manchmal nicht dazu. Aber was will man machen: Die Freude am Helfen überwiegt, und auch die vielen guten Menschen, denen man begegnet.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben