Musikprofessorin über Wahrnehmung

„Musik hat Hüften“

Wie nehmen wir Musik wahr? Musikprofessorin Susan Rogers über Ohrwürmer, Prince-Stücke und Songs, die wie alte Freunde sind.

Zwei Kinder tanzen

Den sozialen und motorischen Aspekt sollte man nicht vernachlässigen. Pärchen – sie sieben, er acht – beim Tanzen in Florida Foto: dpa

taz: Frau Rogers, manche kreischen vor Begeisterung, andere fangen an zu weinen, wenn sie Musik hören. Wie sind solch starke Emotionen zu erklären?

Susan Rogers: Musik aktiviert den neuronalen Kreislauf, mit dem wir angenehme und genussvolle Dinge verarbeiten, also etwa auch Essen, Drogen oder Sex. Sie wird im limbischen System verarbeitet, das unter anderem für Emotionen zuständig ist. Grundsätzlich haben wir im Gehirn ein „Warnsystem“, das uns achtsam macht gegenüber neuen Reizen – zum Beispiel Hörreizen.

Wie funktioniert das?

Ein Vergleich: Ein Mensch nähert sich einem unbekannten Objekt, zum Beispiel einem Raumschiff, das gelandet ist. Da werden wir vorsichtig sein. Wenn wir aber sehen, dass es überhaupt nicht gefährlich ist und dass uns die Besatzung des Raumschiffs Belohnungen gibt – Geld oder Essen oder Spielzeuge –, dann werden wir mit dem Objekt vertraut. So läuft es auch im Gehirn: Neurotransmitter werden ausgeschüttet. Sie sorgen dafür, dass wir dem Raumschiff mit anderen Emo­tio­nen begegnen, wenn wir es das nächste Mal sehen.

Wovon hängt es generell ab, welche Musik wir als angenehm empfinden?

Es gibt Musik, die wir grundsätzlich bereichernd finden. Entscheidend ist aber immer unsere Lust, unser Appetit. Es ist wie mit dem Essen: Das Gericht, das einem am besten schmeckt, isst man oft und gern. Aber auch da ist es unterschiedlich: Manchmal braucht man Futter für die Seele, dann wieder wünscht man sich ein Gericht, das einen an die Zeit als Kind erinnert. Ein andermal will man etwas ganz Neues ausprobieren. Genauso bei der Musik: Wir haben so etwas wie eine „Homebase“, Prince nannte das „the street you live in“. Für mich persönlich ist das Soul- und Funkmusik. Wenn mich aber jemand, um im Bild zu bleiben, in ein äthiopisches Restaurant einladen würde, könnte ich das Essen auch mögen. Es wird wohl nie mein Lieblingsessen – aber ich probiere es!

61, ist Professorin am Berklee College of Music. Sie lehrt dort Psychoakustik und Musikkognition. Zwischen 1983 und 1988 war sie Soundingenieurin von Prince. In der Zeit entstanden unter anderem die Alben „Purple Rain“ und „ Sign o‘ the Times“.

Formt uns diese „Homebase“ für das gesamte Leben?

Gewissermaßen schon. Wenn wir Teenager sind und nach unserer Identität suchen, gibt uns Musik Geborgenheit. Die Songtexte lösen Probleme für uns. Sie können uns sagen, wie wir uns in bestimmten sozialen Si­tua­tionen verhalten sollen. Sie helfen uns, jemand anderes zu sein. Wir bauen eine Bindung zu ihr auf. Hören wir sie später wieder, ist es so, als träfen wir einen alten, engen Freund.

Sie haben Prince erwähnt, als dessen Soundingenieurin Sie in den achtziger Jahren gearbeitet haben. Was passiert mit uns, wenn wir All-Time-Hits wie sein „Purple Rain“ hören?

Wir reagieren auf drei verschiedenen Ebenen: motorisch, emotional und intellektuell. Da ist die körperliche Seite: Musik hat Hüften, sie bringt uns zum Tanzen. Zwischen dem auditiven und dem motorischen Kortex gibt es Verknüpfungen. Der Rhythmus kann einen packen, allein, weil er funky ist. Gefühlsmäßig berühren einen vielleicht die Akkordfolge und die Textzeilen. Intellektuell kann „Purple Rain“ einen nostalgisch stimmen. Das Stück lässt einen an die Zeit denken, in der man zum ersten Mal Prince hörte, an die Klamotten, die man trug, an die Freunde, die man hatte. Die Voraussetzung ist aber immer, dass man dafür auch aufnahmefähig ist.

Wovon hängt das ab?

Ein Beispiel: Es gab einen Unfall. Ein Freund von Ihnen hat sich verletzt, Sie bringen ihn in die Notaufnahme eines Krankenhauses, und dort läuft ein Prince-Song im Flur. In dieser affektiven Situation werden Sie nicht empfänglich für einen Prince-Song sein.

Was unterscheidet unser Gehör von anderen Sinnesorganen?

Das Hören ist die schnellste Sinneswahrnehmung, die wir haben. Schneller als Sehen, schneller als Riechen, superschnell. Wenn wir einen Rhythmus wahrnehmen, den wir mögen, werden auf schnellstem Wege Botschaften zu unserem motorischen System gesendet.

Warum gibt es Stücke, die uns unwillkürlich immer wieder durch den Kopf gehen?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Das wird noch untersucht. Das Phänomen heißt „Stuck song syndrome“ – besser bekannt als „Ohrwürmer“. Meist beziehen sich diese auf kurz zurückliegende Musikerfahrungen. Der Ohrwurm wird von einem Geräusch oder einem Wort ausgelöst. Es tritt sowohl bei kognitiv geringer Belastung – wenn wir etwa tagträumen – als auch in Erregungszuständen auf. Wenn eine Situation entsteht, in der wir ein Pro­blem lösen müssen, verschwindet der Ohrwurm in der Regel. Was wir aber herausfinden müssen, ist, warum das Gehirn es für eine gute Sache hält, einen einzigen Song immer wieder kreisen zu lassen.

In vielen Popsongs wird etwas wiederholt, das es schon gab. Aufbau und Tonarten ähneln sich oft. Warum langweilt diese Musik viele nicht?

Ich höre gern Bob Dylans „­Theme Time Radio Hour“. Ich finde gut, dass er darin Musik nicht als etwas betrachtet, das ein Verfallsdatum hat. Gute Musik ist eben gute Musik. Nehmen wir wieder das Essen: Man könnte ja auch fragen, warum wir immer noch Pizza und Hamburger essen? Die Antwort ist einfach: Weil wir es mögen!

Wie schafft man es, aus Altbekanntem Neues zu kreieren?

Der Produzent Fernando Garibay, der mit Lady Gaga ein paar Hits hatte, sagt seinen jungen Künstlern: Erfindet das Rad nicht neu, erfindet das Auto neu. Das ist äußerst klug. Wir wissen, wie man einen Rock’n’Roll-Song schreibt. Was wir brauchen, sind passende Teile, um sie in einer neuen Art und Weise zusammenzusetzen – für eine neue Generation. Nach dem Motto: Kümmert Euch nicht darum, was die Leute in ihren Dreißigern, Vierzigern und Fünfzigern sagen!

Einige reagieren sehr stark auf Musik, manche fast gar nicht, bis hin zur sogenannten Anhedonie – der Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Wie kommt das?

Wie diese Dispositionen entstehen, ist noch unklar. Manche Menschen haben einfach kein musikalisches Gehör, sie können die Tonhöhen nicht erkennen – die haben natürlich eine andere Geräuschwahrnehmung. Für andere ist Musik einfach kein angenehmer Reiz. Das ist keine bewusste Entscheidung. Zum Teil ist es veranlagungsbedingt.

Worin unterscheidet sich die Wahrnehmung von harmonischer und dissonanter Musik?

Menschen und auch bestimmte Tiere wie Ratten, Affen und Vögel favorisieren harmonische Akkorde gegenüber dissonanten Akkorden, das ist belegt. Aber behandelt das Gehirn diese Klänge psychologisch gesehen anders? Die Antwort ist: Vielleicht. Dissonanzen erzeugen mehr neuronale Aktivitäten als harmonische Akkorde. „Reine“ Intervalle nehmen wir anders wahr als eine kleine Septime.

Sie unterrichten Psychoakustik am Berklee College Of Music. Welche Themen umfasst Ihr Fach?

Wir beschäftigen uns damit, wie Klang übermittelt wird, also wie aus Schallwellen Impulse werden und wie wir Menschen sie nach Lautstärke und Takten interpretieren. Es sind die Grundlagen der Musikwahrnehmung. Ich lehre auch noch Musikkognition – dieser Fachbereich bezieht sich eher auf das Denken, auf Gefühle, auf Lernverhalten, Entwicklung und Persönlichkeit.

Welches Stück hat Sie selbst zuletzt stark berührt?

„Click Clack“ von Captain Beef­heart. Ich kannte es nicht. Als ich es erstmals hörte, bin ich aus dem Sessel aufgesprungen und habe getanzt. Vielleicht wegen des Grooves. Er benutzt da Polyrhythmen, die sind einfach clever. Das Raumschiff Captain Beefheart nehme ich zukünftig anders wahr.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben