■ Daumenkino: Muriels Hochzeit
„Ihr seid nichts als ein hoffnungsloser Haufen von Taugenichtsen“, schmettert Vater Heslop seiner Familie in einem vollbesetzten Restaurant entgegen. Die aufgeschreckten Gäste verdrehen die Köpfe, betrachten die so Abgekanzelten und nicken zustimmend. Die Heslops sind schrecklich übergewichtig und so katastrophal zurechtgemacht, daß sie sich einfach selbst hassen müssen. Das Schrecklichste sind die teigig-leeren Gesichter. Sie drücken nicht einmal Gleichgültigkeit aus – das wäre immerhin noch etwas – sondern ein grauenvolles Nichts. Die Heslops schlafwandeln durchs Leben.
Die Familie lebt in Porpoise Spit, einem kleinen Kaff in Australien. Die anderen Einwohner haben eine Möglichkeit gefunden, sich um den Muff und die Ereignislosigkeit herumzulügen: Die Jugendlichen bilden Cliquen, und die Erwachsenen versuchen, im Stadtrat wichtig zu sein wie Bill Heslop, oder gründen einen Kosmetikvertrieb wie Deidre, die energische Geschäftsfrau. Nur Bill Heslops Familie ist völlig unfähig, sich irgendein Gespinst aufzubauen, das ihnen das Gefühl von Wichtigkeit oder Unentbehrlichkeit gibt. Mit Ausnahme von Vater Bill und Muriel. Es gibt tatsächlich zwei Dinge, die Muriel zum Leben erwecken: die Musik von Abba und der Gedanke an ihre Hochzeit. Diese zwei Obsessionen sorgen dafür, daß der Film, der so grau wie eine Mietskaserne aus den 50er Jahren sein könnte, wie ein neonfarbenes Knallbonbon daherkommt. Regisseur P.J. Hogan hat einen Narren an der Familie Heslop gefressen, und man kann sich dem nur entziehen, wenn man Muriels Gesicht betrachtet. Sie scheint an einer Kiefermuskelschwäche zu leiden, denn es ist ihr offensichtlich unmöglich, den Mund geschlossen zu halten. Schlaff hängt die Unterlippe nach unten und verzieht das Gesicht zu unbeschreiblicher Stupidität. Bei aller Sympathie hätte ich ihr irgendwann am liebsten eine unters Kinn geknallt, damit sie wenigstens einmal den Mund zumacht.
Eingehüllt in rosarote Abba-Klänge träumt Muriel von Prinz Charming und einem rauschenden Hochzeitsfest mit weißem Satinkleid, meterlangem Schleier, heulender Brautmutter, vor Eifersucht platzenden Freundinnen und dem ganzen Scheiß, der noch so dazugehört. Was danach kommt, ist Muriel keinen Gedanken wert – nur einmal die strahlende Schneewittchenbraut sein. Aber abgesehen davon ist sie genauso unmöglich wie der Rest der Familie Heslop, übergewichtig und peinlich. Einfach kein Umgang für die schicke Clique von Tanja und ihren Freundinnen, die ihre Kosmetik von Avon beziehen und mit ihren Frisuren den Denver-Clan nachahmen. Aber natürlich zeigt Muriel es ihnen. Auf ihre Weise. Anja Seeliger
„Muriels Hochzeit“. Regie: P.J. Hogan. Mit Toni Collette, Bill Hunter und Rachel Griffiths. Australien 1994
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen