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Multimedia-Spiele aus dem Steinzeitalter

■ Im KaDeWe beweist die Telekom, daß der digitale Videodienst keine Vorführung wert ist / Das vielgepriesene neue Fernsehzeitalter entpuppt sich als Superflop

„Verzeihen Sie, ist das schon die neue Bildröhre?“ will ein älterer Herr wissen. „Nein, damit hat das nichts zu tun“, erfährt er von dem schmächtigen Enddreißiger mit Goldrandbrille. Herr Werner von der Telekom präsentiert im Kaufhaus des Westens das neueste aus der Multimedia-Branche. Digitale Videodienste heißt das Pilotprojekt, das von der Telekom mit großem Tamtam am Mittwoch gestartet wurde. Damit auch der technisch nicht versierte Kunde erfahren kann, was sich dahinter verbirgt, wurden drei Terminals allgemein zugänglich aufgestellt.

„Ein neues Zeitalter des Fernsehens beginnt“, verkündet vollmundig die Telekom-Broschüre. Was im KaDeWe dann tatsächlich bestaunt werden konnte, war eher ein sparsam gehaltenes Werbepresent von RTL, Pro 7 und dem Otto- Versand.

Die Programmliste des Multimedia-Fernsehens liest sich gut. Unter dem Stichwort „Pay-Radio“ sollen über 50 verschiedene Musiksparten ohne Werbung und Moderation geboten werden. Die Musikrichtungen wurden klangvoll „Farben“ genannt, wohl mit dem Zweck, zumindest einen Hauch von Visualität zu wahren. Bei „Pay-Radio“ bleibt der Bildschirm nämlich schwarz. Hat man sich für eine Musikrichtung entschieden, erscheint auf dem Bildschirm des Terminals: „Programm erst ab März 95 abrufbar“.

Schade eigentlich, aber man kann es ja statt dessen mal mit dem Lernprogramm, auf neudeutsch: „Telelearning“, probieren. Lernfilme, Sachinformationen und Trainingsprogramme aus dem Bildungsbereich werden hier versprochen. Die Qual der Wahl hat man zwischen drei topaktuellen Bildungsthemen: die Entstehung der Alpen, der Treibhauseffekt und der tropische Regenwald. Ob denn die Filme zumindest interaktiv seien, wird Herr Werner gefragt. „Nein, das nicht. Aber Sie brauchen die Videokassette nicht mehr auszuleihen“, versucht er die Vorteile des Multimedia-Fernsehens anzupreisen. Außerdem könne man viel schneller zu einer bestimmten Stelle vor- oder zurückspulen, als das mit einem Videogerät möglich wäre. Auch der dritte Versuch der Testvorführung dürfte nicht ganz im Sinne des Anbieters ausgefallen sein. Unter der Rubrik „Top-Filme“ tummeln sich ganze vier Krimis, die aus dem Programm von RTL und Pro 7 stammen. Das liege aber nur daran, daß es zur Zeit noch nicht so viele Anbieter gebe, versichert Werner. Schon in nächster Zukunft würden hier etliche Kinoknüller, „wenn ich mal ein bißchen spinne, auch Berlinale-Filme“ angeboten. Den Ausflug in das Tele-Shopping hätte man sich eigentlich von Anfang an sparen können. Einziger Anbieter ist bislang der Otto-Versand. Ein kurzer Blick auf schwarzgekleidete Damen, die mit Orangenscheiben dekoriert waren, genügte, um das Publikumsinteresse zu befriedigen.

Richtig lebhaft wird es am Test- Terminal, als ein Fernsehteam von Sat. 1 anrückt. Herr Werner wird aufgefordert, doch bitte den Satz „Ohne die Set-Karte läuft gar nichts“ ins Mikro zu sprechen. Zwar wurde daraus „Diese Karte hier ist das Wichtigste am System“, aber damit waren die Leute von Sat. 1 auch zufrieden. Und Herr Werner auch, nachdem er vorher so oft „Das wird in Zukunft alles viel besser“ sagen mußte. Gesa Schulz

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