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Die Berlinische Galerie lässt in ihrer Überblicksschau zum Dada-Künstler Raoul Hausmann Widersprüche zu. Am Sonntag jährt sich sein Todestag zum 55. Mal
Von Marielle Kreienborg
Maler, Fotomonteur, Erfinder, Fotograf, Modetheoretiker, Schriftsteller, Tänzer, Performer – es gibt kein künstlerisches Feld, auf dem sich Raoul Hausmann, eine der zentralen Figuren der deutschen Kunstgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg, nicht ausprobiert hat. Als radikal innovativer Stil-Pluralist mit strotzendem Selbstbewusstsein trotz lebenslänglich ausbleibenden finanziellen Erfolgs und mit vorgeblich liberalen Ansichten, solange diese nur für ihn selbst und nicht für seine Partnerinnen galten, hätte Hausmann wunderbar in die heutige Zeit gepasst.
Der Modernität und Wandelbarkeit dieses durchaus ambivalenten Lebenskünstlers zollt die Berlinische Galerie rund um Kurator Ralf Burmeister in der Retrospektive „Raoul Hausmann – Visionär, Provokateur und großes Ego“ nun jenen Tribut, den Hausmann sich zeitlebens zuvorderst selbst zugesprochen hat: „P. S.“, informierte er 1967, rund fünf Jahre vor seinem Tod, den vierzig Jahre jüngeren, der Fluxus-Bewegung zugerechneten Künstlerkollegen Wolf Vostell in einem Briefwechsel: „I invented 1) Fotomontage / 2) Decollage / 3) Sound (letter) poem / 4) Optophone“.
Auf diese Weise schrieb sich der produktive Egozentriker gekonnt selbst in die Kunstgeschichte ein: Denn Hausmann, als sogenannter Dadasoph Mitbegründer der Berliner Dada-Bewegung, hielt sich und seine Schöpfungen stets für Avantgarde. Von den Schrecken und Nachwehen des Ersten Weltkriegs vollumfänglich desillusioniert, rief er in Dada-Collagen wie „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!“ zur Demontage alles Etablierten auf. Dafür entwickelte er das Prinzip der Fotomontage: Sehen und Hören verschränkende Lautgedichte zur Dekonstruktion der gewohnten Sprache und sogar einen synästhetischen Wahrnehmungsapparat namens Optophon hat er erfunden. Dieser sollte Bilder in Töne und vice versa transformieren.
Dass das Optophon nie auf den Markt kam und auch andere Dada-Kolleg:innen Anteile an der Entdeckung der Fotomontage für sich beanspruchten, tat Hausmanns Selbstverständnis als erfinderischer Künstler keinen Abbruch. Und so verwundert es nicht, dass einer der maßgeblichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, August Sander, Hausmann gleich dreimal ablichtete: „Erfinder und Dadaist“ aus dem Jahr 1929 zeigt den doch eigentlich anti-bürgerlichen Hausmann tadellos gekleidet in Anzug, Krawatte und Monokel. Auf einer zweiten Aufnahme posiert Hausmann betont weltoffen: Oberkörperfrei, mit selbst entworfener „Oxford-Hose“ hält er gleich zwei Frauen im Arm – links seine zweite Ehefrau Hedwig Mankiewitz, rechts seine Partnerin Vera Broïdo.
Der Rundgang durch die in sieben Kapitel chronologisch angeordneten zweihundert Ausstellungsexponate ist eine Übung in Ambiguitätstoleranz: Hausmann konnte sich vor allem deshalb bereits in jungen Jahren ganz selbstverständlich als anarchistischer Künstler verstehen und gebärden, weil seine Ehefrauen und Partnerinnen, alle ebenfalls künstlerisch tätig, fortwährend das Geld nach Hause brachten.
Seine erste Ehefrau Elfriede Schaeffer, mit der er, gerade mal einundzwanzig, die Tochter Vera Hausmann bekam, verdiente das Brot für die Familie als Geigenlehrerin. Hannah Höch, mit der Hausmann während seiner Ehe sieben Jahre zusammenlebte, für die seine Frau zu verlassen er sich jedoch weigerte, war Entwurfszeichnerin bei Ullstein. Hausmanns zweite Ehefrau Hedwig Mankiewitz stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Mit ihr und Vera Broïdo, ebenfalls Jüdin, ging Hausmann 1933 ins Exil.
Die Retrospektive geht auf die Widersprüche in Hausmanns Lebenscredo „bedenkenlos aufrichtig zu sein“ ein, indem sie den Anteil der Frauen an Leben und Kunst Hausmanns aufzeigt: Sie waren seine Sponsorinnen, Inspiratorinnen, Archivarinnen und Nachlassverwalterinnen. Höchs Selbstportrait „Frau und Saturn“ aus dem Jahr 1922, das im Ausstellungsbereich „‚Mr. Ich‘ (wie der Dada-Historiograf Hans Richter Hausmann nannte) und die Anderen“ zu sehen ist und in dem Höch ihre zwei Abtreibungen während der Beziehung zu Hausmann zum Gegenstand macht, wühlt ebenso auf wie ein dort dokumentierter Brief Hausmanns an seine Tochter Vera, in dem ihr „Rabenvater“ sie, „auf Verständnis hoffend“, dazu auffordert, ihr Erbe an seine letzte Partnerin Marthe Prévot abzutreten.
Mit Prévot lebte Hausmann seit 1944 im französischen Limoges zusammen. Auch sie sorgte nach seinem Tod am 1. Februar 1971 dafür, dass sein Spätwerk überdauerte. „Mein Verhältnis zu Hausmann“ und dessen eigenartigen Charme fasst Dada-Kollege Kurt Schwitters (dessen Ursonate das Deutsche Theater Berlin derzeit neu interpretiert) in einem Brief an Hannah Höch aus dem Jahr 1922 folgendermaßen zusammen. „Es wird immer so sein: dass, wenn ich ihn brauche – ich für ihn da bin!“
Raoul Hausmann: „Vision. Provokation. Dada.“ Berlinische Galerie, Berlin, bis 16. März 2026
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